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Krimi und Spiritualität

Interview Februar 2011

Bocholt. Sie schreibt Krimis, Kinderbücher, versteht sich auf Lyrik und Erzählungen. Sie musiziert. Und sie veröffentlicht spirituelle Literatur. Bettina Oehmen. Und gerade letztere Publikationen bilden immer wieder eine Art Spannungsbogen. Denn Begriffe wie Spiritualität und Esoterik lassen sich in die verschiedensten Schubladen einsortieren. Wer sich jedoch die Mühe macht, die Bocholter Autorin einmal näher kennen zu lernen, erkennt schnell: bei ihr findet Spiritualität auf wirklich „kerngesunder“ Ebene statt. Spiritualität, auch wenn manch einer nun erschrecken mag, schlummert in jedem von uns und geht mit einem ganz banalen und doch ungemein wichtigen Wort einher: Liebe. Bettina Oehmen ist Autorin, Ehefrau und Mutter. Aber wer ist diese Frau wirklich? Wir haben Sie einfach mal gefragt…

Bocholter Report: „Mit Ihrem neuesten Werk Himmelsfenster ergänzen Sie Ihren Buchreigen spiritueller Literatur. Schaut man sich all Ihre Veröffentlichungen mal an, erkennt man schnell, dass Sie jedoch die Vielfalt der Literatur mögen...“

Bettina Oehmen: „Ja, das stimmt. Ich bin für alles offen. Ich habe Ideen im Kopf, die sich dann gegenseitig regelrecht herumschubsen. Ist es die Kindergeschichte, die zuerst heraus möchte oder ist es der spannende Krimi, dessen erste Kapitel gedanklich bereits stehen? Aber ganz gleich ob Krimi, Erzählung oder Lyrik, bei allen Publikationen geht es immer auch um Liebe. Und das ist mir ganz wichtig. Dabei ist es oft schwierig, das Thema gut rüberzubringen. Sobald es nämlich um erfüllte Liebe geht, wird sie oft mit dem Begriff Kitsch in Zusammenhang gebracht. Komisch nur, da wir uns alle nach erfüllter Liebe sehnen…“

Bocholter Report: „Sie verbinden mit Ihren Veröffentlichungen also ein gewisses Anliegen?“

Bettina Oehmen: „ Ich möchte, dass die Menschen glücklich sind. Dass sie sich ihrer Kraft bewusst werden und sie zielgerichtet einsetzen. Und dass sie Ihre Fähigkeit zur Kenntnis nehmen, mit bloßer Gedankenkraft Frieden oder Krieg schaffen zu können, in der Familie oder der Gesellschaft, im Kleinen wie im Großen. Wer liebt, ist glücklich, und wer glücklich ist, wird den Krieg als Ausdrucksform nicht mehr benötigen. Dieses Wissen hat unsere Welt bitter nötig, aber nicht nur das Wissen darum, sondern auch die Handlungen, die daraus erfolgen.“

Bocholter Report: „Wer öffentlich zu seiner Spiritualität steht, eckt auch heute noch oft an, oder?“

Bettina Oehmen: „Leider ja. Das liegt aber daran, dass Spiritualität oft missverstanden wird. Wenn ich diese Art von Literatur veröffentliche, dann steckt dahinter eben nicht eine Frau auf egozentrischem Selbstfindungstripp, die jeglichen Sinn für Realität verloren hat, sich gar als Medium sieht, für das die Welt düster und gefährlich ist und voller böser Geister steckt, die es zu zähmen gilt. Für mich ist Spiritualität eine Grundtatsache unseres Daseins, das heißt, wir bewohnen mit dem Geist, dem ,spiritus’, unseren Körper. Spiritualität ist religionsübergreifend, sie steht für mich als Synonym für die Kunst des Liebens, nichts anderes. Die anderen zu lieben und respektvoll miteinander umzugehen. Jeder Mensch kann hassen, fühlt sich aber, wenn er liebt, viel wohler. Liebe schlummert in jedem von uns, nur nutzt leider nicht jeder das Potential, das sich daraus ergibt. Musik, Lyrik, Literatur, Kunst − das alles hat für mich persönlich mit Liebe zu tun. Es ist mein Potential, es ist meine Art glücklich zu sein. Und ich freue mich, wenn ich mit meinen Büchern oder auch in Gesprächen anderen Menschen helfen kann, aufzuzeigen, wo ihr Potential liegt, ihre Liebe, ihr Glück.“

Bocholter Report: „Ihre Spiritualität ist es auch, die aus Ihnen eine etwas andere Autorin macht. Eine, die schreibt und veröffentlicht, gleichzeitig aber auch eine Art ,Postkasten und Hotline‘ für Ratsuchende darstellt?!“

Bettina Oehmen: (lacht) „Ja, das ist wahr. Aber genau das ist es ja auch, was ich an meiner Arbeit so mag. Die Kommunikation. Es kommt nicht selten vor, dass ich mit einem Menschen zusammensitze und wir gemeinsam herausfinden, wo dieser eigentlich hingehört, wo er steht, wer er ist. Es ist ungeheuer spannend und hilfreich, wenn man in das klar strukturierte System eines Menschen eintaucht, die Prägung überprüft, gemeinsam erkennt, was man zum Beispiel von den Eltern übernommen hat und sich fragt, ob man eventuell etwas übernommen hat, was nicht zu einem passt. Es gibt viel zu analysieren, und, wie es sich immer wieder zeigt: analysieren ist viel besser als kritisieren, denn mit der Analyse demontiert man sich nicht, man schaut sich nur an und trifft dann seine Entscheidungen. Das sind die Vorbedingungen, um glücklich werden zu können. Die Hauptfrage ist dabei immer: Was hindert mich daran zu lieben?“

Bocholter Report: „übte ihr Elternhaus Einfluss auf Ihre Art aus, Spiritualität zu leben?“

Bettina Oehmen: (schmunzelt) Mein Elternhaus war liberal und esoterischen Dingen gegenüber aufgeschlossen. Der Vater meiner Mutter war Antroposoph, und im großelterlichen Haushalt griff man bei Krankheiten auf Heilpflanzen zurück, entweder als selbsthergestellte Essenzen, Packungen oder in Form von Homöopathie. Mein Vater stammte hingegen aus einer streng akademisch orientierten Familie mit natürlicher Abneigung gegen das übernatürliche. Getrieben von unüberwindlichem Wissensdurst gepaart mit Widerspruchsgeist beschäftigte er sich allerdings intensiv mit der Ufo−Literatur Erich van Dänikens, mit den ersten Berichten Thorwald Dethleffsens über experimentelle Rückführungen und schließlich mit dem deutschen Propheten Jakob Lorber, der das gesamte Johannes−Evangelium in mehreren Bänden neu überliefert hat. Ich habe meine eigene Position gewählt. Ich bin offen und neugierig, orientiere mich aber seit jeher daran, wie praxisbezogen mit Spiritualität umgegangen wird, wie umsetzbar sie ist in unserem Alltagsgeschehen. Spiritualität und Esoterik dürfen nicht abgehoben sein. Leider gibt es viel zu viele schwarze Schafe auf diesem Gebiet. Und der Begriff Machtmissbrauch spielt durchaus eine Rolle. Nein, ich messe die Menschen daran, inwieweit sie konkrete Ziele verfolgen, um die Liebe umzusetzen. Der Dalai Lama, Nelson Mandela, Ghandi − das sind für mich drei faszinierende Persönlichkeiten, die ich mit geerdeter Spiritualität und Esoterik verbinde.“

Bocholter Report: „Sie waren unter anderem in Israel. Sie reisen gerne, Ihr Lieblingsland ist Frankreich. Sie haben bereits mehr erlebt, als manch anderer in seinem ganzen Leben je erleben wird… Wie entdeckten Sie Esoterik für sich, was verstehen Sie als Christus−Energie, und worin sehen Sie Ihre Aufgabe?“

Bettina Oehmen: „Während meines Musikstudiums schenkte mir meine Schwester ,Die Einweihung‘ von Elisabeth Haich. Danach las ich verstärkt bergeweise esoterische Literatur und schleppte sie sogar mit nach Israel. Dort las ich mich auch durch die Klosterbibliothek des Dormitio−Klosters auf dem Zionsberg, immer auf der Suche nach einer tieferen Ausdeutung der Bibel, denn die gängigen Erklärungen der Theologen befriedigten mich nicht. In Israel lernte ich natürlich auch die Kabbala kennen und erkannte, dass die Bibelgeschichten Verschlüsselungen sind und dass sie in mehreren Bedeutungsschichten verfasst ist, die durch ihren numerologischen Wert erkannt werden können. Vieles wuchs mir zu in dieser Zeit. Ich machte seit Jahren regelmäßig Yoga, meditierte und nahm Verbindung auf zur Christus−Energie, die überall zu finden ist, im Innen und Außen. Was das ist? Die Liebe. Irgendwann war ich soweit: Ich wollte mithelfen bei dem großen Ziel, Liebe zu verwirklichen und wandte mich an die Engel, auch wenn das vielleicht jetzt seltsam klingt. Ich bat sie, mir eine Aufgabe zuzuweisen, eine Tätigkeit, mit der ich Menschen helfen könnte, glücklich zu werden und ihr eigenes Potential voll zu entfalten. Aus dieser Zeit stammt die Zusammenarbeit. Die Engel geben mir das nötige Wissen. Sie öffnen mir die Energieebene der Menschen und lassen mich hineinschauen und fühlen, sodass ich weiß, wo der Schmerz und die Verletzung liegen.“

Bocholter Report: „Sie sind verheiratet, haben vier Kinder, sind 51 Jahre jung. Wie muss man sich eigentlich den Tagesablauf der Bocholter Autorin Bettina Oehmen vorstellen?“

Bettina Oehmen: „In letzter Zeit habe ich es so geregelt, dass ich mir zwei bis drei Wochen frei nehme und mich nach Frankreich zurückziehe, wo ich dann von morgens bis abends schreiben kann. Wenn ich zu Hause schreibe, stehe ich um fünf Uhr morgens auf, dann habe ich noch zwei Stunden Zeit bis zum Frühstück. Um sieben Uhr gibt’s Frühstück mit der ganzen Familie. Wenn dann die Kinder aus dem Haus sind, beschäftige ich mich mit Anfragenin Form von Mails und Anrufen, oft muss ich noch in die Stadt, um Bücher zu verschicken, das verbinde ich dann mit einer kleinen Entspannung in meinem Stammcafé bei traditioneller heißer Schokolade. Dann wird wieder geschrieben und das Mittagessen gekocht. Nachmittags geht es ähnlich weiter: Anfragen beantworten. Schreiben. Mit Menschen reden. Dazu Hausaufgaben (nicht meine), Aufräumen, Gartenarbeit, Wäsche und so weiter. Sie sehen, mein Tag sieht fast so aus wie der vieler anderer Frauen. Oder inzwischen auch Männer?

Bocholter Report: „Gerade ist Ihr Buch Himmelsfenster erschienen, das übrigens sehr viel Spaß macht zu lesen. Jetzt ist erst mal wieder Pause, oder?“

Bettina Oehmen: „Na, mal sehen. Ich habe bereits einen Krimi im Kopf, aber auch ein weiteres Solé−Buch. Buchideen sind bei mir wie junge Welpen, sie sind total verspielt und tollen in meinem Kopf herum und wollen natürlich raus. Ich muss dann entscheiden, was ansteht.“

Bocholter Report: „Könnten Sie sich vorstellen, einen ganz ,normalen‘ Arbeitstag zu haben, zum Beispiel hinter einer Ladentheke?“

Bettina Oehmen: (lacht) „Natürlich. Wenn ich müsste. Allerdings würde ich die Ladentheke sicherlich ein bisschen umfunktionieren, zu was, weiß ich noch nicht, aber mir würde schon etwas dazu einfallen.“

Bocholter Report: „Gibt es einen Wunsch?“

Bettina Oehmen: „Ja. Ich hätte gerne ein Haus in Frankreich, würde dort gerne französische Lebensart und Abenteurertum mit den deutschen Elementen wie Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Nachdenklichkeit kombinieren.“

Bocholter Report: „Wäre das für Sie ein Stück Glück?“

Bettina Oehmen: „Glück speist sich daraus, was man tut und wie man es tut, das kann auch etwas ganz Kleines, scheinbar Unbedeutendes sein. Glück ist der Moment, wo etwas entsteht − und das macht frei.Und, trotz der Gefahr, mich zu wiederholen: Einem anderen Menschen liebevoll zu begegnen, eben ohne kitschig zu sein, sondern ganz natürlich und offen − das ist Glück.“


DER ALLTAG IST UNSER MEISTER

Jeden Morgen stehen die einen auf, werfen sich ins Getümmel des Arbeitslebens, kämpfen sich durch den Tag und fallen abends erschöpft ins Bett, um morgens wieder aufzustehen. Andere kommen nicht aus dem Bett, haben keine Arbeit oder keine Ahnung, was sie mit ihrem Tag anfangen sollen, sind befallen von Zweifeln und haben Schuldgefühle, weil sie nichts tun, obwohl sie nicht krank sind. Wieder andere sind krank und können nichts tun, sehnen sich aber intensiv danach, etwas tun zu können. Die Variationsbreite der menschlichen Zustände ist unendlich groß, da jeder Mensch seinen eigenen, unverwechselbaren Weg geht, sei es über zu viel, zu wenig oder gerade richtig viel Tätigkeit. Unser Leben wird bestimmt von den Rhythmen der gesellschaftlichen Vereinbarungen, die beinhalten, dass wir als Kinder zuerst in den Kindergarten und dann regelmäßig zur Schule gehen, danach eine Ausbildung machen, einen Beruf ergreifen und schließlich in Rente gehen. Es gibt auch die, die die Schule schwänzen, die keine Ausbildung machen und keinen Beruf ausüben.

All das sagt nichts über den inneren Zustand der Menschen aus. Sind die glücklicher, die einen Beruf haben oder die, die keinen haben? Sind die unglücklicher, die viel arbeiten oder die, die wenig arbeiten? Kann man zu viel oder zu wenig Zeit haben?

Der Alltag, übersetzt: der normal verlaufende Tag ohne überraschungen, der vorgeplante Zeitraum zwischen dem Morgen und dem Abend (oder für Schichtarbeiter zwischen dem Abend und dem Morgen)ist im Sprachgebrauch oft das Synonym für eine gewisse Langeweile, für ein Abgenutztsein, eben für die Abwesenheit von überraschungen, für die Abwesenheit von Spaß. „Alltag“ bedeutet genau zu wissen, wie alles abläuft, zum Beispiel jeden Tag Frühstück machen, Kinder zur Schule bringen, Hausarbeit, Essen kochen, Kinder abholen, bei den Hausaufgaben helfen, Kinder zu verschiedenen Terminen bringen, Abendessen kochen, Kinder ins Bett bringen, Ehemann verwöhnen oder registrieren (je nach Zustand der Ehe). Oder: Aufstehen, zur Arbeit gehen, den ganzen Tag im Büro sitzen oder den ganzen Tag auf dem Baugerüst stehen oder den ganzen Tag im Krankenhaus arbeiten und so weiter und so fort.

Wenn wir diesen Alltag allerdings genauer betrachten, so fällt die Zweiteilung des Wortes auf. All Tag. Man könnte es übersetzen mit: Alle Tage. Alle Tage das Gleiche. Man könnte aber auch sagen: das All in einem Tag. Nicht nur das All, das Universum, das sich über unseren Köpfen bis ins Unendliche dehnt, sondern auch das Alles in einem Tag. Das „alles ist möglich“, schon an einem einzigen Tag! Was könnte man an einem einzigen Tag wohl alles machen?

Ja, natürlich, man könnte etwas ganz anderes als sonst unternehmen, man könnte krank feiern, in den Zoo gehen oder nach Paris fahren und auf den Eiffelturm klettern. Aber was machen dann die Kinder? Wie kommen sie in den Kindergarten und nachmittags zur Musikschule? Wie würde die Arbeit im Krankenhaus vorangehen und die in der Zeitungsredaktion, wer würde das Haus bauen und wer das marode Leitungssystem reparieren?

Wie wär’s damit: man könnte das, was man ohnehin machen muss, mit mehr Freude tun. Man könnte sich klar machen, dass es nicht nur sowieso getan werden muss, sondern dass das, was wir tun, auch sinnvoll ist. Jeder trägt etwas zum Gelingen des Ganzen bei. Und darüber hinaus könnte man begreifen, dass jeder Augenblick schön sein kann, wenn wir dies so wollen. Keiner kann in uns hineinschlüpfen und uns befehlen, wie wir uns fühlen sollen. Man kann uns zwar versuchen zu beeinflussen, und wir werden schnell in schlechte Laune verfallen oder sogar in gute, doch langfristig gesehen wird nur die eigene Entscheidung bewirken können, ob wir uns gut oder schlecht fühlen. Ein Anfang zum sich gut Fühlen wäre gemacht durch die Entscheidung, sich gut zu fühlen. So leicht geht das nicht, wird man mir vorhalten. Und ich entgegne: Wieso nicht? Wieso soll es leichter sein zu entscheiden, sich schlecht zu fühlen? Ist es schwerer, sich gut zu fühlen? Warum? Ich habe ja die Wahl, innerhalb der, sagen wir mal, viertel Stunde, die uns zum Frühstück vielleicht nur zur Verfügung steht, meinen Morgenkaffee in innerer Ausgeglichenheit zu trinken oder aber ,unter Stress’ in mich hineinzuschütten. Ich habe die Wahl, ob ich in dieser Zeit einen Marathon der Probleme in meinem Kopf ablaufen lasse oder ob ich ,abschalte’ und fünfzehn Minuten in aller Ruhe dort sitze, den ersten Frühlingsvögeln zuhöre oder dem Gebrodel der Kaffeemaschine. Ich kann entscheiden, ob ich mich von Chefs oder Kunden hetzen lasse oder ob ich einfach in aller Ruhe eins nach dem anderen erledige. Dann entdecke ich vielleicht auch ein Geheimnis des All−Tags. Denn in Wahrheit ist der Alltag unser Meister. Er lehrt uns, hinzuhören, hinzuschauen, Entscheidungen zu treffen, auf unsere Intuition zu achten und vieles mehr. Und er lehrt uns, was geschieht, wenn wir dies nicht tun.

Jeden Morgen werden wir also mit einem All−Tag beschenkt, der uns das Leben lehrt. So gesehen sind wir also ziemlich reich. Alle. Und so gesehen wäre es gar nicht falsch, sich dafür zu bedanken. Indem wir uns dafür entscheiden, jeden dieser geschenkten All−Tage zu genießen. Wer ist dabei?


DIE GENERATIONEN (16.2.2011)

über dieses Thema kann man immer wieder neue Bücher schreiben. Als Kolumnistin versuche ich allerdings, die Bilder− und Gedankenflut in meinem Kopf auf zwei Seiten zusammenzuschmelzen, ohne, wie ich hoffe, verkürzt zu erscheinen.

Ich sah zum Beispiel neulich in einem BBC−Film eine Szene, die klar macht, wie die Alten den Jungen aufhelfen können, wenn diese die Orientierung verloren haben. Eine überschaubare Elefantenherde befand sich auf dem kräftezehrenden Weg zum nächsten Wasserloch. Mit dabei war eine Mutter mit ihrem ersten Jungen, einem kleinen süßen Elefantenbaby, dessen Beinchen vor Erschöpfung immer wieder wegsackten. Naturfilmerfahren wappnete ich mich, doch das Kleine starb nicht unterwegs, sondern erreichte mit der Großfamilie das Wasserloch. Dort wartete jedoch die nächste Katastrophe: es versank im Schlamm und kam allein nicht wieder heraus. Die unerfahrene Mutter versuchte, ihr Kind zu retten und drückte es dabei nur noch tiefer in den Abgrund. Endlich bemerkte die Großmutter das Dilemma, walzte majestätisch heran und schubste die Mutter mit einem rüden Stoß ihres mächtigen Hinterteils von dem Kind weg, das sich daraufhin mühelos selbst befreien konnte.

Diese Geschichte spricht für sich: die Jungen können von den Alten lernen. Lebenserfahrung kann lebensrettend sein, auch wenn sie unsanft vermittelt wird. Idealerweise wird Lebenserfahrung indes sanft vermittelt. Am besten durch das Vorleben dessen, was erlernt werden soll und uns nicht nur das Leben sichert, sondern auch die Liebe. Es geht um Herzensbildung und eben nicht nur um das reine überleben. Eine liebevolle, weise Großmutter mit runzligen Apfelbäckchen, ein herzensguter, weiser Großvater mit schlohweißem Bart − das sind Archetypen, Märchenbilder, die jede Seele anrühren. Denn sie vermitteln das Ideal der Werteübermittlung der Alten an die Jungen. Weisheit und Liebe sind erwünscht.

Hier beginnen die Probleme. Es scheint wesentlich einfacher zu sein, den Nachfahren das überleben beizubringen als die Kunst zu lieben. Denn wer selber nicht geliebt wurde, kann Liebe schlechter weitergeben als jener, der bedingungslos und aufgrund seines bloßen Daseins angenommen wurde. Würde diese einfache Tatsache von allen sofort gesehen werden, gäbe es vielleicht weniger Probleme. Doch dass er Probleme mit bedingungsloser Liebe hat, will sich keiner vorwerfen lassen. Also versuchen wir zu lieben, indem wir unsere Kinder erziehen, ihnen Wertmaßstäbe vermitteln, ihnen Vorträge halten über das Erstrebenswerte und das, was sie meiden sollten. Dies muss nicht, kann aber schlecht sein, es hängt ganz einfach davon ab, ob wir Sinnvolles oder überkommenes weitergeben. Ob wir zum Beispiel Beständigkeit in jeder Lebenslage preisen und vermitteln und übersehen, dass wir längst starr und unbeweglich geworden sind, oder ob wir flexibel genug sind, immer neue Impulse zuzulassen, ohne die Entwicklung nicht möglich ist.

Schon dazu fällt mir eine Familiengeschichte ein. Sie handelt von dem Kampf eines Jungen gegen die Starre eines Alten. Mein Großvater Hermann wuchs im Mecklenburgischen auf. Er interessierte sich von Kindesbeinen an für Musik, stieß damit bei seinem Vater jedoch auf taube Ohren. Der Vater, ein Postillion, der gegen Ende seiner Runde stets so betrunken war, dass die Pferde den Weg allein zurückfinden mussten, war ein einfacher, praxisorientierter Mensch. Bach, Mozart, Beethoven, gar der neumodische Chopin? Was sollte man damit anfangen? Hermann beharrte. Nichts sehnlicher wünschte er sich als ein Klavier! Schließlich nahm der Vater kurzerhand ein Brett und bemalte es originalgetreu mit weißen und schwarzen Strichen. Das Brett wurde in Packpapier eingewickelt und dem halbwüchsigen Sohn am Geburtstagsmorgen überreicht. „Hier hast du dein Klavier“, raunzte der Vater. Der Sohn hatte schon gar kein Klavier mehr erwartet. Doch statt sich über die Härte des Vaters aufzuregen, nahm er das Brett und begann zu üben. Er besorgte sich Noten von überall her und rang sich neben der harten Schulausbildung täglich so viel Zeit wie möglich ab, um auf dem stummen Brett zu üben, wobei die Musik allein in seinem Kopf spielte.

Der Vater besah sich das Spektakel, brummte, schüttelte den Kopf, ließ den Sohn aber gewähren. Nach einem Jahr, wieder am Geburtstagsmorgen, nahm er seinen nunmehr achtzehnjährigen Sohn am Arm und führte ihn ins Haus des Bürgermeisters, der − welch großer Luxus − ein Klavier besaß. Unter den Blicken der Bürgermeisterfamilie musste Hermann nun auf dem Klavierschemel Platz nehmen. Er begann, all die Stücke zu spielen, die er inzwischen auswendig konnte. Die Zuhörer lauschten ergriffen, der Postillion ein wenig grimmig, denn er war − wie berichtet wird − extrem rechthaberisch. Doch auch er musste sich dem Zureden des hochverehrten Herrn Bürgermeisters beugen. Es wurde beschlossen, das Klavier dem musikbegeisterten Sohn für ein Jahr zur Verfügung zu stellen. Man transportierte es vorsichtig durch die Straßen und setzte es im Wohnzimmer der Postillionsfamilie ab.

Ein Jahr lang übte Hermann, informierte sich über die Grundlagen der Komposition und begann, eigene kleine Stücke zu schreiben. Nach dem Jahr im Paradies musste er das Klavier wieder abgeben. Kurz darauf wurde er dazu verdonnert, Pharmazie zu studieren. Er wurde Apotheker und begann zu sparen. Groschen wurde auf Groschen gelegt, und schließlich war es soweit: er konnte sich sein eigenes Klavier leisten!

War das Verhalten seines Vaters nun eher hinderlich oder eher förderlich? Ideal wäre natürlich seine Unterstützung gewesen, andererseits stählte der väterliche Widerstand den Willen des Sohnes, der sich ja letztendlich durchsetzte. Was natürlich gut war. Schlecht daran war nur, dass der Sohn dadurch so hart geworden war, dass er seinen Vater nachahmte und den Tyrannen bei den eigenen Kindern spielte. Den ältesten Sohn, der sich ihm häufig widersetzte, sperrte er in einen Kasten im dunklen Kohlenkeller oder prügelte ihn aus dem Hause des Mädchens, in das sich der Junge verliebt hatte.

Wann nützen und wann schaden wir unseren Kindern? Wir alle sollten überprüfen, wie viel Raum wir ihnen bei ihrer Entwicklung geben. Wie wir selber brauchen auch sie eine gute Mischung aus Vorbild, Belehrung und Freiheit, das Leben und seine vielfältigen Möglichkeiten selber auszuprobieren; samt der Irrwege, die dabei vorkommen können und vielleicht auch müssen. Wir brauchen ein gutes Gespür dafür, wann welches Verhalten am sinnvollsten ist. Dabei hat es sich erweisen, dass wir uns am besten vom Herzen leiten lassen, dass immer recht behält, auch wenn wir das manchmal erst nachher erkennen.

Es ist aber auf jeden Fall auch wichtig zu wissen, dass wir als Eltern ebenso wenig perfekt sein können wie unsere Eltern oder unsere Kinder. Die Fehlerhaftigkeit liegt im System − wir Menschen sind komplizierte, kapriziöse Wesen, zu allem fähig, zum Guten wie zum Bösen. Es ist schlichtweg unmöglich, fehlerlos zu erziehen, ohne fehlerlos zu sein. Und wer ist schon fehlerlos? Und wäre uns das Fehlerlossein nicht in Wahrheit unheimlich? Würde es uns vielleicht sogar langweilen? Das ist die „Conditio humana“, die Bedingung des Menschseins und die der Natur des Menschen. Man kann über sie philosophieren, man kann sie beklagen oder genießen − wichtig allein ist es, dass wir unseren Kindern das Wissen um diese „Conditio“ vermitteln. Und ihnen den Ausweg zeigen aus dem letztendlich nutzlosen Sinnieren, ob man immer das „Richtige“ oder „Falsche“ tut. Wie hieß dieser Ausweg noch? Vorbild und Liebe. Das wäre trotz aller Fehlerhaftigkeit perfekt.

Die Chinesen sind da etwas anders gelagert. Sie haben das Sprichwort geprägt: „Möchtest du, dass deine Kinder ihr Leben in Ruhe genießen, so lass sie immer ein wenig hungrig sein und ein wenig Kälte fühlen.“ Die augenblicklich berühmt−berüchtigte amerikanisch−chinesische Tigermutter, die ihrer Tochter droht, alle Kuscheltiere zu verbrennen, wenn das Mädchen nicht drei Stunden täglich Klavier übt − praktisch der Gegenpol zu meinem Urgroßvater − hilft uns dabei, unser eigenes Maß zu finden. Die meisten von uns würden auf Methoden dieser Art verzichten. Wer es nicht tut, darf sich überprüfen.


FILME AB 18 (26.2.2011)

Es ist schon viel geäußert worden zum Thema „Gewalt in den Medien“. Im Gespräch mit Achtzehnjährigen wurde mir zum Thema „Filme ab 18“ gesagt: „Haben wir alle schon vor einer ganzen Weile gesehen.“ Aha. Die Mädchen sagten mir: „Da muss man eben durch.“ Und die Jungs empörten und wehrten sich regelrecht: „Nur, weil da Gewalt vorkommt, werden wir doch nicht automatisch zu Gewaltverbrechern.“

Wie kommen eigentlich alle darauf, die Kennzeichnung eines Films ab 18 sofort mit Gewalt zu verbinden? Geht es nicht vielmehr um Inhalte, die zu komplex und deswegen schwer verständlich oder uninteressant für Jugendliche wären? Nein. Ab 18 bedeutet fast immer die Konfrontation mit dem Bösen. Der Erwachsene, der ermächtigt ist, sich den Film anzusehen, muss sich auf Mord und Totschlag einstellen, auf prügelnde Muskelbewehrte, auf wimmernde Opfer, auf Vergewaltigung und Zerstückelung. Diese Konfrontation mit dem äußersten, der lustvollen Vernichtung des Lebens, der Verletzung eben jenes Körpers, der uns doch auf Schritt und Tritt durch den Selbsterhaltungstrieb daran erinnert, dass er geschützt werden möchte, wird von „Erwachsenen“ ersonnen und in die Form eines Films gegossen. Warum?

Die Erfahrung des Bösen beginnt nicht erst mit 18, sondern stellt eine Grunderfahrung des Menschen seit seiner Geburt dar. Der lichte Geist vermählt sich mit der ,dunklen’ Materie, dem Körper, der ohne uns als Bewohner keine überlebenschance hätte. Verlassen wir ihn, bleibt er bewegungslos zurück und zerfällt. Sobald wir im Körper leben, unterstehen wir der Zweipoligkeit. Fortan hat alles zwei Seiten, Gegensätze bestimmen unser Leben, unter anderem und vor allem der Gegensatz: gut − böse.

Schon als Baby wird uns suggeriert, nicht böse, sondern gut, sprich „brav“ zu sein, und wir verstehen recht genau, was damit gemeint ist. Und ebenso kalkuliert, wie wir als Kleinkind dann „brav“ sind, um gelobt und geliebt zu werden, provozieren wir immer wieder neu die Konfrontation dadurch, dass wir nicht brav sind. Die überschreitung der Grenzen, die das Gewissen vorgibt, wird regelrecht freudig erfahren. Beobachtet man Kinder, denen bei einem ihrer Vorhaben gesagt wird: „Nein, nein, das darfst du nicht tun!“, so begegnet man nicht selten diesem Glitzern in den Augen, dem Ausdruck des Mutwillens, Spiegel der Verlockung, es eben doch zu tun, die Grenze zu überschreiten, sich in Widerspruch zu setzen, die verbotene Frucht zu kosten. Diese Lust, Verbotenes zu tun, ist gekoppelt mit dem unbändigen Wissensdurst des Menschen.

„Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baume der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn wenn du davon isst, wirst du sterben.“ Diese Ankündigung, ja, Drohung des „lieben“ Gottes bewirkt in schrecklich vorhersehbarer Konsequenz die Verführung durch die Schlange, Verkörperung des Bösen. Wieso? Ich frage jetzt nicht: „Warum sollen wir nicht ungestraft alles wissen dürfen?“ Sondern: „Wieso existiert die Schlange, wieso die Möglichkeit der Verführung? Wieso beinhaltet der liebe Gott den bösen Gott? Warum gibt es den Satan, das unaussprechlich Böse, Dunkle, Mitleidlose im Gegensatz zur hell strahlenden Liebe?“

Im Grunde gehen all diese Filme ab 18 immer wieder neu dieser Frage nach. Indem sie das Tabu brechen und uns konfrontieren mit all dem, was wir nicht sollen. „Nein, nein, das darfst du nicht tun.“ Doch, das darf man. Der Mensch darf böse sein. Er darf in diesem Zusammenhang auch Filme drehen, in denen das Schrecklichste passiert. Und er tut es. Selbst ein in allen Wissenschaften ausgebildeter Dr. Faust schließt den Pakt mit dem Teufel. Gerade weil er alles schon ausgelotet hat, alles, bis auf das Verbotene, wirklich Böse. Das Böse, das über Lügen und Stehlen weit hinausgeht. Das Böse, das sich in Goethes erstaunlich und erschreckend moderner Dichtung definiert durch die Beschmutzung des Reinen in der Verkörperung Gretchens. Zu Goethes Zeiten gab es noch keine Gewaltfilme, keine gesellschaftlich geduldeten visuellen Abhandlungen über mutwillige Körperverletzungen, spritzendes Blut, das dem Fausthieb folgt, hart aufschlagendes Blut, das durch die ungeheure Präsenz der Kombination von Bild und Ton die Existenz und Machbarkeit des Guten in Frage stellt. Schon immer gab es die Verbrechen, Foltermorde, Vergewaltigungen, aber es gab sie nicht in dieser visuellen Verfügbarkeit. Trotzdem müssen wir uns kollektiv dieser Tatsache stellen: Es gab Völkermorde, Massenentführungen, Vertreibungen, Vergewaltigungen, Folterungen schon immer. Und schon immer gab es die Reaktion auf die Ausschweifungen und Verfehlungen gegen das Gewissen, das den Menschen eingepflanzt wurde und ihnen unfehlbar die Rückmeldung zukommen ließ: „Du verstößt gegen die Liebe, gegen die Menschlichkeit.“ Die Reaktionen waren meistens ebenso heftig wie die Ausschweifungen, es gab Revolutionen und vermeintliche Säuberungen, die keine Reinheit nach sich zogen. Eine ewige Wirrnis. Gut gegen Böse, die Verstrickung der Guten in das Böse, obwohl sie doch das Gute wollten − eine endlose Geschichte, weil wir eben beides in uns tragen.

Man könnte jetzt sagen: „Wenn das so ist, ist doch eh’ alles egal.“ Aber das Schöpfungsgeheimnis beinhaltet eben auch noch dieses andere, Wichtige, Wunderbare, nämlich das Streben nach Licht und Erlösung. Denn uns eingepflanzt ist neben dem Gewissen auch ein überdruss am Bösen. Selbst der Mensch, der sich entschieden hat, alle Tabus zu brechen, alle Orgien zu „feiern“ und all das Böse, das er in sich vorfand, zu tun, wird schließlich von einer tiefen Melancholie befallen, einem Selbstekel zusammen mit dem intensiven Wunsch nach Licht und Liebe. Wenn man genauer hinschaut ist oft der Dunkelste gleichzeitig der Hellste. Es kennzeichnet unser Menschsein, dass wir die Wahl haben, gut oder böse zu sein oder uns irgendwo dazwischen einzuordnen. Wer nur gut sein will, ohne sich geläutert zu haben, läuft Gefahr, den dunklen Anteil in sich derart zu verdrängen, dass er immer größer und mächtiger wird und den Menschen dazu antreibt, etwas großes Böses oder viele kleine Boshaftigkeiten zu verüben. Mit „vielen kleinen Boshaftigkeiten“ sind zum Beispiel gemeint: Neid, verächtliche Gedanken und Bemerkungen, Manipulationen, Schuldzuweisungen, Scheinheiligkeit usw. Selbst wenn dies unbewusst und ungewollt geschieht, zeigt es bei den Mitmenschen seine zerstörerische Wirkung. Nur wer die Tatsache vollkommen anerkennt, dass er auch Schatten in sich trägt, die Möglichkeit zur Dunkelheit, kann einen reifen Entschluss treffen, nämlich die Umwandlung der dunklen Impulse in Licht. Der geläuterte Mensch, der seine Entscheidung zum Guten bewusst erneuert hat, ist ein wahrhaft freier Mensch. Er findet keine Boshaftigkeiten mehr in sich. Und ebenso wenig das große Böse.

Wie können wir uns läutern? Wo ist die Leitlinie, wo der Weg? Wir können es schaffen, indem wir uns überprüfen und gegebenenfalls korrigieren. Und indem wir unbeirrbar lieben. Wie man liebt? Jeder weiß es, jeder erkennt Liebe, jeder kann lieben. Es gibt keine gültige Entschuldigung, es nicht zu tun. Selbst wer nichts bekommen hat, kann doch geben. So schlimm etwas gewesen ist, so einsam man auch war in der Dunkelheit, so schön ist es doch, aus eigenem Impuls heimzukehren in den Schoß der Liebe.

Wer also noch keine Filme ab 18 gesehen hat, kann sich darauf einstellen: hier gibt es Motivation im übermaß, das genaue Gegenteil dessen zu leben, was auf der Leinwand vorgeführt wird. Das ist in Wahrheit die wunderbare Botschaft der Filme ab 18: Wir dürfen zwar böse sein und alle Tabus brechen, wir dürfen aber auch richtig gut sein und unsere Mitmenschen lieben und respektieren! Und im Grunde unseres Herzens wollen wir es alle − das gesamte Kollektiv Menschheit. Und noch etwas richtig Gutes zum Schluss: Wenn wir doch eigentlich schon wissen, worum es geht, müssen wir uns diese Filme gar nicht erst anschauen. Sie repräsentieren dann nicht mehr Gewalt, sondern die perfekte Zeitersparnis!

 

DIE IDEALE BEZIEHUNG (2.4.2011)

Wie oft wird mir die Frage gestellt, ob Mann und Frau überhaupt zueinander passen, ob es die ideale Beziehung, genauer: die ideale Liebe gibt oder ob sie nur ein Wunschbild ist oder, noch schlimmer, ein Trugbild. Ja, es gibt sie, die ideale Liebe, die Liebe, die alle Hindernisse überwindet, die Berge versetzen und Herzen aufflammen lässt. Sie ist keine Illusion und je inniger man an sie glaubt, desto wahrscheinlicher wird sie. Um sie möglich werden zu lassen, gibt es eine wichtige Voraussetzung. Fast scheue ich mich, es zu sagen, denn es wurde schon so oft wiederholt, aber es führt kein Weg daran vorbei: nur wer sich selbst liebt, kann lieben und sich lieben lassen. Wer sich ablehnt, wird die Liebe des anderen nicht zulassen, wird sie bezweifeln, wird sich ängstigen, diese Liebe zu verlieren, ihrer nicht würdig zu sein, Fehler zu begehen, den anderen zu enttäuschen. Er wird argwöhnen, dass die Liebeserklärung womöglich eine Besänftigung sein soll, dass der andere sich scheut, die schonungslose Wahrheit zu sagen, dass man nämlich zu viele Fehler hat, die unmöglich toleriert werden können, dass man womöglich nicht schön oder klug genug ist, zu viele oder zu wenig Kompromisse schließt, dass man zu streng oder zu nachgiebig, zu verschwiegen oder zu redselig ist. Wer sich auf eine Beziehung einlässt und nicht zufrieden mit sich selbst ist, wird gerade in der Anfangszeit inständig hoffen, die eigenen Verwirrungen würden sich durch diese Liebe in Luft auflösen, man werde glücklich und zufrieden sein. Das dies nicht funktioniert, wurde tausendfach erlebt und erlitten. Anders als diese Liebe nämlich, die Wünsche auf den anderen projiziert, die vom anderen die eigene Heilung erwartet, die Lösung der Probleme, die man selbst nicht lösen kann, fußt die ideale Liebe, auch wenn das auf den ersten Blick unromantisch zu sein scheint, auf Selbstverantwortung.

Beginnen wir beim Kennenlernen. Zwei Menschen begegnen sich und empfinden Zuneigung füreinander. Ein Blick kann genügen, ein gegenseitiges Wiedererkennen, ein Einverständnis, und schon sind die beiden ein Paar. Es kann auch länger dauern, man trifft sich öfter, lernt einander kennen, (soweit man sich zur Offenheit traut), und entwickelt eine gemeinsame Basis. Wie auch immer die Beziehung zustande kommt − irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo sich beide entschließen, es miteinander zu „versuchen“. Eine interessante, häufig gebrauchte Formulierung, die das beinhaltet, was häufig folgt: eine Suche. Die Suche nach einem gemeinsamen Standpunkt setzt das Finden eines eigenen voraus. Und schon stehen wir mitten im Problem. Denn dem ersten Verliebtsein folgt nicht selten eine Ernüchterung, so, als sei die Liebe ein Rausch, der die Sinne vernebelt hat, denn häufig haben sich die Menschen noch nicht gefunden. Wenn der Nebel sich hebt, wird man mit der Realität konfrontiert und mit der Frage, ob man das, was man dann klarer erkennt, annehmen kann oder nicht. Kann man mit den Fehlern des Partners leben, ist die Liebe groß genug, um diese zu tragen? Und, was noch viel schwerer wiegt: wird der Partner meine Fehler tragen können? Wird er nicht ernüchtert reagieren, wenn er erkennt, dass ich nicht perfekt ist, dass ich womöglich ungeduldig, verletzlich, rachsüchtig, „kleinkariert“ bin?

Hier sollte man sich eine grundsätzliche Frage stellen, nämlich: „Bin ich wirklich ungeduldig, verletzlich und rachsüchtig oder ähnliches? Gehören diese Gefühle zu mir? Und wenn nicht, woher kommen sie dann?“ Es besteht nämlich oft ein himmelweiter Unterschied zwischen dem, was die Menschen an Gefühlen äußern und dem, was sie wirklich für ihre originalen Gefühle halten. Was ist damit gemeint? Ich meine damit, dass viele sich für großzügig halten, obwohl sie knauserig sind, dass manch einer sich als extrem liebevoll einschätzt, obwohl er egoistisch handelt; dass er sich für langmütig hält, aber in Wirklichkeit ungeduldig und reizbar auftritt. Oder umgekehrt: man denkt, man sei eigentlich optimistisch, beobachtet sich aber ständig dabei, wie man pessimistische äußerungen von sich gibt oder von Sorgen zerquält wird.

Wieder stehen wir vor der Ursprungsfrage: „Wer bin ich?“ Wie können wir herausfinden, wer wir wirklich sind? Sind wir optimistisch oder pessimistisch? Sind wir langmütig oder reizbar und somit ungerecht? Um eine funktionierende Beziehung zu führen, ist es wichtig, sich diesen Fragen zu stellen und eine Lösung herbeizuführen. Viele Verhaltensweisen sind regelrechte „Beziehungskiller“, man sagt: Steter Tropfen höhlt den Stein“, hier: den Sockel der Partnerschaft.

Was tun? Nützlich ist die Erkenntnis, dass, wenn zwei Personen zusammentreffen, in Wirklichkeit noch vier Schattenwesen dabei sind: zwei Mütter und zwei Väter. Da wir im Normalfall unsere Kindheit und Jugend in Familiensystemen verbringen und durch das Verhalten unserer Eltern geprägt sind, lohnt es sich nachzuschauen, wie diese Systeme aufgebaut sind. Wie allseits bekannt ist, spielt die frühkindliche Prägung eine große Rolle in unserem Sozialverhalten. Als Kleinkind denkt man noch, alle Frauen seien so wie die Mutter und alle Männer so wie der Vater. Und da die beiden für unser überleben sorgen, verleiben wir uns ihre Verhaltensmuster durch Nachahmung ein und gehen davon aus, dass dies normal sei und dass es bei allen anderen auch so ablaufe. Nun ist jedes einzelne Familiensystem ganz individuell aufgebaut, denn es ist abhängig von der Art der Mutter und des Vaters, die Welt zu sehen und auf sie zu reagieren. Da jeder einzelne individuelle Erfahrungen mitbringt, die wiederum aus den Erfahrungen der eigenen Eltern herrühren, haben wir eine große Bandbreite an Gefühlen und Gedanken, von Verhaltensweisen, Erziehungsmustern, Prinzipien und Wiederholungssätzen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und nicht unbedingt zu jedem neuen Mitglied der Familie passen.

Dies alles wird in eine Partnerschaft mit eingebracht. Unumgänglich ist also eine Untersuchung, eine Analyse dessen, was wir in unseren Familien gelernt haben. Sobald wir uns darauf einlassen, erkennen wir das Ausmaß der Prägung und die Wichtigkeit, einen inneren Hausputz zu vollziehen, also Entscheidungen zu treffen, indem wir fragen: Was genau habe ich aus meiner Familie, von Mutter und Vater, übernommen und was davon gehört wirklich zu mir? Wer sich diese Frage nicht nur gewissenhaft stellt, sondern auch die Antworten darauf ernst nimmt, kann den nächsten Schritt mit überzeugung gehen: nämlich, das auszusondern, was nicht zu ihm gehört. Ich empfehle eine schriftliche Vorgehensweise: Was habe ich von meiner Mutter übernommen, was von meinem Vater? Welche Art von Ehe haben die Eltern vorgelebt und welche Aspekte habe ich davon übernommen? Dann folgt idealerweise die Auswahl: was von alldem, das ich da übernommen habe und selber nun lebe, passt zu mir und was nicht? (Dies alles ohne Anklage gegen die Eltern, denn auch sie sind autark und haben ihre eigenen Entscheidungen getroffen, meistens mit dem Wunsch, den eigenen Kindern zu helfen und ihnen das Leben zu erleichtern.) Wer so vorgeht, wird fortan nicht mehr die Verantwortung für sein Sosein abgeben, er wird nicht mehr vom Partner die Er−Lösung erwarten − er wird sie selber möglich machen. Jeder, der sich so überprüft und „gereinigt“ hat, ist eher fähig, wirklich zu lieben. Denn er muss nichts mehr in sich selbst (und folglich auch beim anderen) ablehnen, was in Wirklichkeit nicht zu ihm gehört. Und, im nächsten Schritt: er wird klarer das sehen, was er in sich verändern möchte, Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen etwa, die sehr wohl zu ihm gehören, aber nicht dem entsprechen, was er leben möchte. Denn dann kann er sich endlich annehmen in dem Bewusstsein, dass er selber entscheiden kann, nach welchen Maßstäben er sein Leben führt. Er wird authentischer und für den anderen nachvollziehbarer. Wer authentisch ist, ist mehr imstande sich zu lieben als jemand, der sich vor sich selbst und dem anderen verbirgt. Wer sich liebt, wird wärmer, herzlicher, verständnisvoller, mitfühlender. Ein herzlicher Mensch, der sich nicht mehr blockiert in der Annahme, er sei nicht liebenswert, wird die ideale Liebe eher lieben können als jemand, der sein Herz verhärtet hat, weil er sich nicht liebt. Dies ist selbstverständlich kein Patentrezept, sondern ein Vorschlag. Leicht gesagt, schwer getan? Nur, wer es ausprobiert, wird die Antwort darauf kennen. Man kann es lassen. Man kann es aber auch anpacken. Vielleicht jetzt sofort?


DAS KONZEPT MENSCH − EIN FALL FüR DIE WERKSTATT? (9.4.2011)

„Ach, was leben wir doch in einer schlimmen Zeit“, beklagte sich meine Mutter neulich am Telefon, „und es wird mit jedem Tag schlimmer. Man bekommt den Eindruck, alles geht heutzutage den Bach runter.“ Obwohl ich wusste, was sie meinte, lachte ich und gab zu bedenken: „Hör mal, du stammst aus der Generation, die Hitler erlebt hat. Da würde man nicht unbedingt von der guten alten Zeit sprechen, oder?“ Irgendwie sprang sie aber nicht darauf an, denn ihr Blick ging nach Japan, nach Afrika und, direkt vor ihrer Haustür, zu dem Nachbarn, der kürzlich seine krebskranke, noch junge Frau verloren hatte. Ich schätze, dass wir beide Recht haben, auch wenn es hier nicht um Rechthaberei geht. Ja, es ist schlimm, was gerade passiert. Aber irgendetwas Schlimmes passiert sowieso, seit es uns Menschen gibt. Wir sind ein aufrührerisches Geschlecht, uns fällt immer irgendetwas Neues ein, um bloß keine Ruhe einkehren zu lassen; obwohl jeder Einzelne von uns beteuern würde, er sei friedlich und liebevoll. Auch die Talibananhänger beteuern, sie seien nur gewalttätig, um den göttlichen Frieden herzustellen. Jeder x−beliebige kriegsführende Landesherr beteuert, er sei nur daran interessiert, seinem Volk Wohlstand und Frieden zu bescheren − Beispiel Elfenbeinküste, Ouattara gegen Gbagbo (den Nachrichtensprechern sei Dank, dass sie uns beibringen, wie man diese Namen aussprechen muss). Beide sind selbsternannte Friedensfürsten, die ihre Anhänger ermutigen, Kinder, Jugendliche, Frauen, Männer und alte Leute im Namen dieses Friedens abzuschlachten. Hamas und Fatah in Gaza und im Westjordanland bekämpfen sich gegenseitig bis aufs Blut, um endlich „Frieden“ zu schaffen, der israelischen Regierung fällt nichts Besseres dazu ein, als immer neue Siedlungen zu bauen, was die verzweifelte Jugend dazu gebracht hat, im Internet zu schreiben: „Wir, die Jugend aus Gaza, haben Israel, die Hamas, die Besatzungsherrschaft, die Verletzung der Menschenrechte und die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft so satt...Wir wollen frei sein. Wir wollen ein normales Leben leben können. Wir wollen Frieden. Ist das zuviel verlangt?“

Was ist so schwer am Frieden? In dem Film „Marcello, Marcello“ wird am Beispiel einer italienischen Insel−Dorfgemeinschaft gezeigt, wie unfähig der Mensch zum Frieden ist. Zu Beginn des Films wird man Zeuge, wie der Metzger den Bürgermeister jeden Morgen damit ärgert, dass er seinen Hahn bei Morgengrauen auf dem Dach ungehindert krähen lässt. Jeden Morgen also stürzt der Bürgermeister in Unterhosen auf den Balkon und schimpft mit gereckter Faust: „Ich bringe ihn um, eines Tages bringe ich ihn um!“ Am Schluss des Films, in dessen Verlauf ein Junge versucht hat, über die Liebe zu seiner angebeteten Elena auch Liebe ins Dorfsystem einzuspeisen, ist der Bürgermeister in den Besitz des Hahns gekommen. Aber statt ihn zu verkaufen oder an die Küche weiterzureichen, lässt nunmehr er den Hahn krähen, während der Metzger sich von nun an jeden Morgen darüber aufregt. „Wo Liebe ist, ist auch Hass“, lautet die lakonische Quintessenz.

Ja, wir leben in schlimmen Zeiten, auch wenn sie nicht schlimmer sind als andere Zeiten, denn irgendwo ist und war es immer schlimm, nur nicht gleichzeitig für alle. Und so sind die Zeiten heutzutage für uns als Deutsche definitiv besser, während sie unter dem Hitlerregime eindeutig schlechter waren, ganz zu schweigen von den Völkern, die durch das Wüten der durch die Nazis Verblendeten und von falschem Stolz Getriebenen in Mitleidenschaft gezogen oder schlichtweg umgebracht wurden. Immer gärt es irgendwo, auch im Nachkriegsdeutschland waren wir von Wirren nicht verschont, von gesellschaftspolitischem Radikalwandel bis hin zum Terrorismus. Und auch jetzt, wo die RAF keine Menschen mehr entführt und umbringt, lauern die Tücken des latenten Verbrechertums, sexueller Missbrauch gilt zum Beispiel in deutschen Landen bei der Polizei als erschreckend häufiges Vergehen mit hohen Fallzahlen, wobei zusätzlich noch von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden muss.

Ist der Mensch eine Fehlkonstruktion? Wir könnten versucht sein, dies immer häufiger zu denken. Ich gerate jedes Mal ins Grübeln, wenn ich Nahrungsmittel aus Plastik auspacke, wenn fast neue Geräte nicht repariert werden können, weil sie „schon“ zu alt sind, wenn jetzt deutsche Atomkraftwerke abgeschaltet werden und stattdessen der Atomstrom aus Frankreich bezogen wird oder von den veralteten Kohlekraftwerken aus Polen.

Wie sollen, wie können wir darauf reagieren? Es bleibt uns gar nichts anderes übrig, wenn wir uns nicht vollends auf die Erkundung des Weltalls mit dem Ziel konzentrieren wollen, andere bewohnbare Planeten zu finden, als hier aufzuräumen − unser Denken und Fühlen und parallel dazu unseren Planeten. Ein Onkel von mir räumt gerade in China auf: er hilft, komplett vergiftete, biologisch tote Gewässer wieder zum Leben zu erwecken. (Ein japanischer Kollege sagte ihm, er sei geradezu neidisch auf diese konstruktive Arbeit, denn die atomare Verstrahlungsgefahr in Japan sei so ungreifbar im Gegensatz zur chemischen Verseuchung der chinesischen Seen − was wieder auf die Relativität des Schlimmen verweist).

Wir müssen uns dazu erziehen, weniger „schlecht“ zu denken, das bedeutet: weder innerlich noch äußerlich zu grummeln, zu grollen, zu jammern, zu beschuldigen, zu lästern oder sich selbst zu kasteien und für wertlos zu halten. Es bedeutet ferner, mehr Verantwortung für sich selber und sein Umfeld zu übernehmen, nicht wegzuschauen, im eigenen Haushalt Energie zu sparen, weniger Plastik zu verbrauchen, öfter mit dem Rad zu fahren, biologisch−dynamische Produkte zu kaufen, um unseren Körper und die Hersteller der Produkte zu stützen, damit der Markt sich verändert. Es bedeutet, einzugreifen, wenn Unrecht geschieht, klar zu denken und sprechen, humorvoll zu sein und an die Zukunft zu glauben. Denn wenn wir jetzt alle schlapp machen und laut darüber nachdenken, dass die Welt sowieso nicht zu retten sei, enden wir im emotionalen Vakuum, in einem verfrühten Grabeszustand, der einen Untergang beschleunigen würde, der doch womöglich gar nicht ansteht. Denn wer sind wir denn, unseren Untergang einfach so hinzunehmen? Können wir nicht mehr kämpfen? Natürlich können wir das, und wir können es nicht nur, weil wir Kinder haben, sondern weil es sinnvoll ist, für unsere Erde zu kämpfen. Denn selbst wenn es noch weitere bewohnbare Planeten geben sollte, was mehr als wahrscheinlich ist, eine zweite Erde gibt es nicht. Dieser Planet ist einzigartig und wunderbar. Deshalb: lasst uns uns selbst überarbeiten! Wir gehören zur Generalüberholung in die heimische Werkstatt. In dieser Werkstatt können und sollen wir unser Denken und Fühlen einer genauen Prüfung unterziehen, es muss hier und dort eine Schraube angezogen werden, mancherorts fehlen zwecks größerer Beweglichkeit ein paar Scharniere, und vor allem muss der Rost weg! Wir müssen modern sein im Sinne von aufgeschlossen neuen alten Denkarten gegenüber. Denn neu ist die Liebe nicht, die wir leben sollen. Aber sie wird in einer satten Wegwerfgesellschaft immer mal wieder teil−entsorgt und zum alten Eisen geworfen. Wir wollen eine Wertegesellschaft sein, Wertmaßstab ist unser Gewissen, Ziel die Liebe, der Weg dahin ist die Umsetzung der Liebe. Wer macht uns das im Augenblick überzeugend vor? Die Mehrheit der libyschen Bevölkerung, der unsere Regierung zunächst leider die Unterstützung verwehrt hat. Sie, gänzlich unerfahren in Kriegsdingen, organisiert sich, man hilft einander, wo man nur kann und lebt das Ideal, das auch wir haben. Lernen können wir immer und überall. Auch das gehört zur Renovierung unseres Denkens.


ENGEL UND MENSCHEN

Die Frage: „Kürzlich haben wir in kleinem Kreis über ,Schutzengel’ diskutiert. Kein Zweifel bestand daran, dass die Seelen Verstorbener im Jenseits eine Funktion als unsere Schutzengel haben. Unklar blieb nur die Frage, ob z. B. ,mein Schutzengel’, der mich vor vielen vielen Jahren begleitet und beschützt hat, jetzt wieder auf diese Erde und in dieses Leben kommt, auch wenn ich bereits Jahrzehnte hier auf Erden lebe. Wenn ich diesem ,Schutzengel’ jetzt irgendwann und irgendwo als normalem Menschen begegne, würde ich das spüren oder würde man sich auf irgendeine Weise erkennen?“

Ich werde die Frage aus meiner Wahrnehmungsweise heraus beantworten. Menschen und Engel sind zwei verschiedene Gattungen. Ein Mensch wird nicht automatisch zum Engel, wenn er gestorben ist. Er bleibt allerdings auch nicht Mensch. Ein Mensch ist man nur, wenn man sich auf der Erde verkörpert hat, das bedeutet, dass man das Schöpfungsprinzip der Gegensätze Gut-Böse und die Materie mit ihren Gesetzen in Kauf nimmt. Eigentlich sind wir Lichtwesen, die es gewählt haben, für eine gewisse Zeit auf die Erde zu kommen und dort unsere Erfahrungen zu machen. Wir verkörpern uns so lange immer wieder neu, als Frau oder Mann, als ,Gute’ oder ,Böse’ oder in der üblichen Vermischung, als Reiche oder Arme usw., bis wir all das gelernt haben, was wir lernen wollten. Zwischen den Leben, also sobald wir den Körper verlassen haben, ,tanken’ wir im Zwischenreich auf, dem sogenannten ,Jenseits’. Beim übergang, dem Prozess der Loslösung von der Materie, erscheint vor unserem inneren Auge unser Leben in geraffter Form. Es findet in uns etwas statt, das wir als das ,Jüngste Gericht’ bezeichnen können, denn jetzt befinden wir über den Wert unseres Lebens: all das Gute und Schlechte, das wir begangen haben, werden wir als wohltuend oder quälend empfinden. Je schlechter wir waren, desto mehr leiden wir. Wer schon zu Lebzeiten von der irdischen Rechtsprechung belangt wurde, wird manchmal weniger zu leiden haben, vorausgesetzt, er bereut seine Taten, was häufig, aber durchaus nicht immer der Fall ist. Der Mörder, der nicht gefasst wurde, wird die Qualen des Opfers nach seinem eigenen Ableben so deutlich spüren, dass er sich wünschte, vorher bestraft worden zu sein. Denn es zeigt sich, dass wir mit uns oft unbarmherziger umgehen als es die meisten Richter tun würden. Als ,Paradies’ wird der Zustand empfunden, der uns ,belohnt’ mit den Folgen unseres ,Gut-Seins’, was ja nichts anderes bedeutet als die Liebe, die wir gegeben haben. Ich spreche hier von echter Liebe, der Liebe, die aus dem Herzen kommt, der Liebe, die uns von vielen geistigen Führern vorgelebt wurde und wird, der Liebe, die jede ernstzunehmende Religion anstrebt, in unserem Kulturkreis die Liebe des Christus. Es geht also nicht um die Fassade, sondern um das, was wirklich dahintersteckt. Wir brauchen für die Verwirklichung dieser Liebe keine Riten, keine Vielzahl von Gottheiten, keine Räucherstäbchen, wir brauchen dazu nur uns, unser Herz und unseren Verstand. Darum letztlich geht es bei unseren vielfältigen Inkarnationen. Wir sollen und wollen die Liebe lernen in allen Lebensumständen. Denn sie versöhnt den Gegensatz Gut-Böse und erhebt sich und uns darüber.

Zurück zum eigentlichen Thema: Das Jenseits ist eigentlich nicht jenseitig, denn es existiert parallel zum sogenannten Diesseits, und beides durchdringt sich immer wieder, wie viele schon am eigenen Leib gespürt haben, wenn sie meinten, ein ,Verstorbener’ sei ihnen im Traum begegnet, habe sie wie ein Windhauch berührt, mental oder im Herzen mit ihnen gesprochen, ein Zeichen gegeben oder ihnen geholfen und ähnliches. Da wir uns nicht in Luft auflösen, sondern nur den materiellen Körper aufgegeben haben, ist dies normal. Wie anders sollten wir in Kontakt mit den auf der Erde Lebenden kommen, wenn nicht durch Mittel, die einen materiellen Körper nicht verlangen? Wir können uns dann entscheiden, den Menschen auf der Erde weiter in dieser Weise zur Verfügung zu stehen, ihnen Hinweise zu vermitteln, bei ihnen zu bleiben, um sie zu trösten und ihnen Kraft zu geben und sie zu schützen, soweit es in unserer Macht steht. Trotzdem sind wir dann keine Engel. Die Engel sind eine Gattung von Wesenheiten, die sich nicht auf der Erde verkörpern, also das ,Spiel’ von Gut und Böse nicht aus eigenem Erleben kennen. Engel hassen nicht, sie verzweifeln nicht, sie hadern und wüten nicht - sie lieben. Die Engel, die wir ,Schutzengel’ nennen, sind große, lichte Gestalten, sie sind keineswegs klein und putzig mit Apfelbäckchen und Hühnerflügeln. Diese Art von schalkhaften ,Bengelchen’ beziehen sich auf den römischen Liebesgott Amor, den Sohn von Venus und Mars, der als Cupido seine Pfeile in die Herzen schießt, woraufhin die ,Verwundeten’ in einer Liebe entbrennen, die die sinnliche Liebe enthält, damit auch das Begehren, die Leidenschaft, das den schwankenden Gefühlen ausgelieferte Element. Diese Figur hat nichts mit den Engeln gemein. Die Engel sind nicht sinnlich, sie sind über-sinnlich. Sie verkörpern die ,Agape’, die ,göttliche’ Liebe, die nichts verlangt, die annimmt, ohne zu fragen. Auf dieser Liebe will Christus das Menschsein gründen. Die Engel sind den Menschen beigesellt, um dieses Ziel zu erreichen.

Und so hat jeder Mensch einen Engel bei sich, der ihn begleitet vom Anfang bis zum Ende seiner Inkarnationen auf der Erde. Im Gegensatz zum menschlichen Begleiter im Jenseits, der sich nach einiger Zeit wieder verkörpern will, bleiben die Engel im Zwischenreich (der eigentlichen ,Realität’). Deshalb werden wir ihnen nie in menschlichen, also materiellen Körpern begegnen. Zeigen sie sich, sieht man einen lichten, menschenähnlichen Körper, man würde ihn aber nie anfassen und fühlen können. Die Engel lassen den Körper erscheinen, damit die Menschen sich nicht übermäßig vor ihnen erschrecken. Wo es doch geschieht, hat es andere Gründe: Die Engel, von denen die Bibel berichtet, erscheinen in gleißenderem Licht als unsere Schutzengel und haben schon so manchen Propheten aus der Fassung gebracht; sie haben andere Funktionen, sind oft für das Wohl oder die Führung ganzer Völker zuständig.

Da unsere Schutzengel das Gesetz der Freiheit achten, mischen sie sich nur in unser Leben ein, wenn dies unumgänglich ist, wenn wir zum Beispiel in einen Unfall verwickelt werden, bei dem wir nicht sterben sollen, weil wir unsere Aufgabe noch nicht erfüllt haben. So passiert es immer wieder, dass eine ,Engelhand’ uns zurückhält, obwohl wir gerade die Straße überqueren wollen, ohne gesehen zu haben, dass sich ein Auto mit großer Schnelligkeit nähert; oder dass wir um Sekunden einem Unheil entgehen, weil der Fahrstuhl streikte oder die Haustür klemmte. Wir können aber noch viel intensiver mit unserem Engel in Kontakt kommen. Denn wenn wir ihn bitten, uns in allen Lebenslagen zu helfen, wird er es tun. Engel brauchen unsere Erlaubnis, in unser Leben eingreifen zu können, denn wir wollen unsere Fehler schließlich selber machen dürfen. Doch sobald die Engel die Erlaubnis bekommen haben, werden wir sie öfter und wohltuender spüren. Selbstverständlich können wir auch Verstorbene um Hilfe bitten. Auch sie sind dann für uns da, anders natürlich als die Engel, denn sie, als ehemalige Menschen, wissen aus eigener Erfahrung von den Sorgen und Nöten des Menschseins. Häufig wartet der eine auf den anderen - dies ist wirklich kein Märchen. Besonders diejenigen, die in sehr starker Liebe verbunden waren, gehen keinen Schritt in ihrer Entwicklung weiter, als bis der andere auch im Jenseits ankommt. Gemeinsam verkörpern sie sich dann wieder, häufig als Geschwister oder enge Freunde, manchmal auch wieder als Liebende. Meistens jedoch variieren wir unsere Beziehungen, denn wir wollen alles auf der Erde ausprobieren, was es gibt. Der Liebe ist es egal, wie wir sie lieben: ob als Paar, als Verwandte oder Freunde. Dies ist also die Antwort: Unserem Engel werden wir immer begegnen können. Ebenso den Menschen, die wir lieben. Im Diesseits und im Jenseits.


MISSBRAUCH

Die Frage: „Sie haben in einer Ihrer Kolumnen über Missbrauch in Deutschland geschrieben. Wie erklären Sie sich, dass er heutzutage so häufig ist? Und was kann man dagegen machen?“

Zunächst einmal: Ich möchte nicht missverstanden werden, der Missbrauch ist keine deutsche Erfindung, er ist dort, wo es Menschen gibt. Missbrauchs-, wenn auch nicht gewaltfreie Zonen sind nur dort, wo unsere Spezies nicht vorkommt, in der Tiefsee, auf sehr hohen Bergen, in unbewohnbaren Wüsten. Und ich glaube nicht, dass er häufiger vorkommt als früher, sondern dass derjenige, der missbraucht, einfach auffälliger geworden ist und dass diejenigen, die missbraucht werden, beginnen, sich zu wehren und/oder darüber zu reden. Wie kann ich die Antwort in einigen Zeilen einigermaßen sinnvoll unterbringen? Ich versuche es so: Wir sind uns einig, dass Missbrauch im weitesten Sinne Machtmissbrauch, also Manipulation, Unterdrückung, Instrumentalisierung umfasst. Gestern sah ich zum Beispiel den französischen Film „Le gamin au vé lo“ (Der Junge mit dem Fahrrad), in dem ein Kleinkrimineller den vaterlosen zehnjährigen Cyril dazu missbraucht, Autofahrer mit einer Keule niederzuschlagen und zu berauben. Der Junge folgt ihm, um seine Zuwendung nicht zu verlieren. Hier sind wir im Kernbereich des Missbrauchs und seiner Gründe. Derjenige, der missbraucht, sucht genauso wie der, der sich missbrauchen lässt. Beide haben das gleiche Defizit: das Opfer kann aus Schwäche nicht zu sich stehen, der Täter kann aus Schwäche nicht zu sich stehen. Nehmen wir den sexuellen Missbrauch, der das Opfer bis ins Mark trifft und seine Sicht und Lebensführung schwerwiegend verändert. Der Täter, sagen wir, der Erwachsene, der sich dem Kind nähert, mag einerseits vom sexuellen Trieb bestimmt sein und die Kontrolle darüber aufgegeben haben, andererseits ist er fasziniert von der Macht, die er über ein anderes Wesen ausüben darf, ohne nennenswerte Gegenwehr fürchten zu müssen. Ein Gemeinplatz, aber trotzdem wahr: Häufig stammt er aus einem familiären Umfeld, in dem er selber das Opfer war. Vergewaltiger und Sadisten sind nur zu oft feige, unsichere, ängstliche Menschen, die den Schmerz und die Gewalt fürchten, weil sie damit aufgewachsen sind; wobei, wie wir alle wissen, Unterdrückung und Ausbeutung in Familien nicht immer offensichtlich, sondern häufig so subtil ausgeübt werden, dass die Umwelt nichts davon merkt. Das Opfer, welches gerade von nahen Verwandten Schutz und Liebe wünscht, ängstigt sich, diesen „Schutz“ zu verlieren, wenn es den oder die Täter anzeigt, also schweigt es. Die Persönlichkeitsveränderung, die dieses Erdulden und Schweigen mit sich bringt, ist verantwortlich für das spätere, scheinbar irrationale Verhalten der Opfer. Ein typisches Verhalten von erwachsenen Frauen mit Missbrauchshintergrund: Sie senden sexuelle Signale aus, sobald sich ein männliches Wesen nähert, und das durchaus nicht immer offen, sondern unterschwellig, aber verständlich. Sie bieten sich an, weil sie „gelernt“ haben, dass das, was sie als „Schutz“, „Anerkennung“ und „Liebe“ interpretieren, nur gegeben wird im Austausch mit körperlichen Gefälligkeiten. Nähert sich der Mann und beginnt, sie zu berühren, versteinert die Frau, lässt ihn womöglich einige Sekunden gewähren und stößt ihn dann zurück. Oder auch nicht. Oder doch. Ein Verhalten, das Verwirrung in der Männerwelt auslöst, aus der Sicht des Opfers jedoch absolut logisch ist. Um Liebe zu erringen, sind wir zu nahezu allem bereit, wenn wir nicht schon gefestigte Persönlichkeiten sind oder uns auf dem Weg befinden, es zu werden. Nicht jedes Opfer wird zum Täter und nicht jeder Täter war einmal Opfer, doch ebenso kann man auch sagen: jedes Opfer und jeder Täter kann sich befreien von Mechanismen, die nicht zu seinem Wesen gehören, indem er den Gründen für sein Verhalten auf den Grund geht, neue Entscheidungen trifft, sich dazu entschließt, die eigene, echte Kraft zu entdecken und zu leben. Beide müssen unbedingt verstehen, was passiert ist, warum und wohin es geführt hat, und dann müssen sie sich die Frage stellen, ob es so bleiben soll. Der Täter wird sich fragen müssen, ob er mit dem permanenten Leid des Opfers leben kann und ob er, falls er gefasst und interniert wird, bereit ist, anderen sein Leben zu überlassen. Und das Opfer muss sich dem eigenen Leid stellen und mit all seiner Kraft beschließen, nie mehr Opfer zu sein, sein Leben in die Hand zu nehmen, um den Weg in die Unabhängigkeit gehen zu können.


MOBBING

Die Frage: „Bei meiner Arbeit sind sie alle so unfreundlich. Außerdem habe ich das Gefühl, dass man mich raushaben will. Nicht die Leitung, aber die Mitarbeiter. Können Sie mal über das Mobben schreiben?“

Unser Brockhaus, ein Lexikon der alten Sorte mit Goldschnitt und rot-schwarzem Einband, ist erst oder sagen wir schon zwanzig Jahre alt und kennt das Wort „Mobbing“ noch nicht. Der „Mob“ hingegen wird beschrieben als aggressives, triebenthemmtes Gesindel, das den Gegner diskriminiert und zu vertreiben oder vernichten sucht. „Mobbing“ im Büro kommt oft subtiler daher, es beschränkt sich wohlmöglich auf abschätzige Blicke, Gesten, Sätze. Es reichen auch schon Ablehnungs- oder Hassgedanken - der Mensch, der als Opfer auserkoren worden ist, wird dies auf jeden Fall spüren. Der Tatbestand dieser Art von Psychoterror ist schon so oft diskutiert worden, dass ich mich auf den praktischen Bereich beschränken möchte, nämlich: Wie gehe ich mit „Mobbing“ um? Gehen wir einmal davon aus, dass Leute, die mobben, ein Problem haben. Ich würde „Problem“ so definieren: jeder, der nicht lieben kann, hat ein Problem. Ich würde es sogar als Kernproblem bezeichnen, denn, wie jeder am eigenen Leibe spürt: Die Liebe ist unverzichtbar, ohne sie ergibt das Leben für uns keinen Sinn. Jeder, der nicht lieben kann, wird dies also als Defizit empfinden, wenn er nicht schon so gleichgültig geworden ist, dass er gar nichts mehr empfindet. Um dieses Defizit auszugleichen, gibt es ein oft erprobtes, konventionelles Mittel: man lädt den Druck, der sich in einem selbst entwickelt hat und durch ein permanentes Opfergefühl verdichtet ist, auf demjenigen ab, der am schwächsten erscheint, von dem also wenig Gegenwehr zu erwarten ist. Der Schwächste wird wiederum derjenige sein, der sich nicht genug liebt, um sich wirkungsvoll verteidigen zu können. Mit „wirkungsvoll“ meine ich nicht das Zurückschlagen, sondern die Souveränität, mit der man „unkonventionell“ reagiert. Was meine ich mit „unkonventionell?“ Ich meine damit, dass man, wenn man unfreundlich bis niederträchtig behandelt wird, weder aggressiv noch unterwürfig handeln sollte. Zunächst sollte man sich Klarheit darüber verschaffen, warum man als Opfer auserkoren wurde. Was in meiner Ausstrahlung erlaubt es dem oder den anderen, mich respektlos zu behandeln? Was an mir ist so undeutlich, dass es dem anderen erlaubt, auf mich so etwas wie Abscheu oder Hass zu projizieren? Was sende ich aus? Das führt zum nächsten Schritt: Was denke ich und, vor allem, wie denke ich über mich? Mag ich mich? Oder finde ich mich dumm, hässlich, erfolglos, unterentwickelt, chancenlos, zu dick, zu dünn? Wie bin ich zu dieser Selbsteinschätzung gelangt? Und: habe ich je etwas gegen dieses Selbstbild unternommen? Diese Fragen haben den Vorteil, dass sie endlich gestellt werden und man sie eben nicht mehr verdrängt, obwohl sie schon lange angeklopft haben. Sie wollen unbedingt beantwortet werden. Ich rate dazu, nicht locker zu lassen, bis man die Antworten kennt, die sich meistens in den Lebensansichten und Umgangsformen der Herkunftsfamilie finden lassen. Hat man herausgefunden, wie dieses Umfeld unser Selbstbild geprägt hat, lohnt es sich, eine neue Selbsteinschätzung vorzunehmen mit den Fragen: Bin ich wirklich dumm, chancenlos, unterentwickelt, hässlich usw. oder hat man es mir vorgelebt oder suggeriert? Die sofortige oder langsame Erkenntnis der Ursachen zieht den nächsten Schritt nach sich: Was kann ich gut? Wo bin ich liebenswert, und wo bin ich selber rachsüchtig, kleinlich und gemein, also schon zum Täter geworden? Weiter: In welchem Zustand befindet sich mein Herz? Kann ich noch lieben oder bin ich schon abgestumpft? Werde ich es schaffen zu erkennen, dass derjenige, der mich mobbt, sich genauso schlecht fühlt wie ich, wenn ich gemobbt werde? Werde ich in die Depression gehen und mich aufgeben, weil ich den Gegner zu stark sein lasse? Oder werde ich es schaffen, so stark zu sein, diesen Menschen nicht zu hassen, zu verabscheuen, ihn mit gleichen Mitteln zu bekämpfen? Habe ich genügend Liebe in mir, um den Täter zu lieben, Mitgefühl mit ihm zu haben, ihm sogar Hilfs- bzw. Gesprächsbereitschaft zu signalisieren? Dies ist nämlich das Zaubermittel, das jedem Menschen zur Verfügung steht, von dem aber nur wenige Gebrauch machen. Nicht erst seit Gandhi wissen wir, dass Liebe den Angreifer machtlos werden lässt. Es ist die gewaltloseste Form von Widerstand, die es gibt und die einzige Möglichkeit, den „Gegner“ zu wandeln. Die Liebe des Menschen, der sich selbst hundertprozentig angenommen hat, ist unerschütterlich wie ein Fels. Und wenn eine Wespe mit aufwendigem Gebrumm um diesen Fels herumschwirrt und ihn bedroht, wird das den Felsen um keinen Millimeter verrücken. Die Wespe hingegen wird sich schließlich erschöpft darauf niederlassen, um sich auszuruhen und sich womöglich endlich um die eigenen Probleme zu kümmern.


DIE ALTE FRAGE

Die Kolumnenanfrage war diesmal kurz und knapp, das Thema lautet: „Altwerden.“ Okay. Wie gehe ich die Frage an? Hauptsache gesund. Stimmt, das ist uns allen zu wünschen. Alt und weise werden. Ein Ideal. Es ist schon so viel dazu geäußert worden. Von mir auch. Ich habe zum Beispiel geschrieben: „Ein alter Mensch ist ein junger Mensch in einem zerbrechlichen Gefäß.“ Aber, um mich selbst zu relativieren, streng genommen kann man schon als Baby ziemlich alt aussehen, genauer: man tut es. Man sieht schrumpelig aus und verknautscht, so viele Falten hat man wahrscheinlich sein Lebtag nicht mehr. Deswegen sorgen wir von Anfang an für die Erkenntnis: zuerst sieht man alt aus und dann wird man immer jünger, sprich „authentischer“. Viele sogenannte „Alte“ würden Ihnen das sofort bestätigen, denn erstens bemerken sie oft gar nicht, dass sie alt werden. „Wie, ich bin schon 80? Habe ich irgendwas verpasst?“ und zweitens sind sie, wenn sie es merken, oft sogar glücklich darüber: „Endlich alt und frei. Ich darf machen, was ich will, aussehen, wie ich will, sein, wie ich wirklich bin!“ Es ist nämlich ein Gerücht, dass wir, nur weil wir Jahresringe ansetzen, automatisch alt werden im Sinne von schlapp, energie- und fantasielos, unmodern und sowohl geistig als auch körperlich unbeweglich. Im Gegenteil - schon mit wenigen Stunden Lebenszeit stoßen wir eine Entwicklung an, die nichts anderes im Sinne hat, als uns zu re-generieren. „Re“ heißt „wieder“ und „generieren“ bedeutet „kreieren, produzieren, ins Leben rufen“. Wir bekommen also die Chance, uns wieder ins Leben zurückzurufen, indem wir uns durch das Leben des Lebens als Original wiederfinden und immer älter, sprich jünger und frischer werden.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, warum wir anfangs so alt aussehen? Das ist nicht schwer zu beantworten. Wir kommen herabgesegelt aus dem Reich des Lichts und der Liebe, gerade waren wir noch umringt von Engeln und guten Geistern, es gab weder böse Menschen noch Tiere, geschweige denn fleischfressende Pflanzen. Und dann passiert es! Ein mysteriöser Sog, Geist und Seele verbinden sich mit Materie, und wir haben den Salat. Das meine ich natürlich metaphorisch, denn was wir zunächst haben, ist eine Komplettversorgung nicht nur vegetarischer Art. Die gute Botschaft: jemand ist immer für uns da, weil wir praktisch in ihm sind. Und wir bekommen Rhythmus. Rhythmus braucht man im Leben, wir bekommen ihn gratis in verschiedenen Varianten, je nachdem, ob unsere Mutter sich abhetzt oder ganz ruhig auf der Couch liegt. Wenn sie ein gutes Herz hat, wird es auf jeden Fall lang genug klopfen, dass wir es uns noch mindestens 60 bis 70 Jahre lang von außen anhören dürfen. Die schlechte Botschaft bei der ganzen Sache: nach einiger Zeit wird es ziemlich eng für uns. Und dann kommt es noch schlimmer: wir müssen uns ins Leben hinausquetschen! Oder in es hinein, wie man’s nimmt. Wer da nicht alt aussieht...

Und dann beginnen die Eltern einen zu erziehen. Diesem Angriff setzen wir eine erstaunliche Kraft entgegen. Sie ist praktisch die Basiskraft, um im Alter jung zu werden. Wir entwickeln Verteidigungsstrategien, hebeln aus, konfrontieren, überprüfen die Festigkeit der Grenzzäune und sind auf der Suche nach Lecks im Tank der elterlichen Logik. Mit zunehmenden Lebensjahren wechseln wir auf die mentale Ebene und nehmen die Eltern beim Wort, spiegeln ihnen ihre eigenen Verhaltensmuster, formulieren das für sie, was sie vielleicht immer schon gerne sagen wollten, ohne es zu tun - mit einem Wort: wir trainieren unseren Geist derart, dass nichts und niemand uns mehr etwas vormachen kann. Zugegeben: unser Gesicht ist noch glatt und unser Körper so knackig wie der Salat, den wir nun wirklich zu uns nehmen, wenn wir uns nicht zu Salathassern entwickelt haben. Aber trotzdem befinden wir uns immer noch im Vorstadium dessen, was wir wirklich erreichen wollen, nämlich: das Alter. Das Alter bedeutet: Gelassenheit, überblick und die sonnige Gewissheit, schlechte Erfahrungen nicht mehr selber machen zu müssen, sondern sie bei anderen korrigieren zu dürfen, wenn man uns lässt. Würden wir egoistisch, knorrig, sperrig, eigensinnig bis - brödlerisch, hinterhältig, manipulativ, verlogen oder „sonderbar“ werden, hätte das Altern überhaupt keinen Sinn. Das einzige, was also Sinn macht, ist die Verjüngung im Sinne von Regeneration, quasi die Auffindung des „Alter ego“, des anderen Ichs, das sich versteckt hatte und spätestens im Alter endlich aufleben darf. Und das, was wir dafür in Kauf nehmen müssen, sind nur ein paar Falten und einen Körper, der ein Verfallsdatum hat und ab und zu in die Werkstatt muss. Und nur, weil unser Körper eine begrenzte Haltbarkeit hat, bedeutet das ja nicht, dass wir es auch haben. Denn wir sind schließlich nur zu Besuch hier, um denen, die alt sind (den knautschigen Babys) zu zeigen, wie man jung bleibt. Bitte nehmen Sie mich diesmal nicht zu ernst, ich habe nur ein bisschen herumgespielt. Ich hätte nämlich auch ganz wahrhaftig sagen können: Wir bestimmen, ob wir inwendig jung bleiben. Darauf kommt es an. Der Körper wird vergehen, wir hingegen sind ewig. Achten wir darauf, dass unser Leben Sinn macht. Nur, wenn wir lieben, macht es Sinn. Und Liebe ist das einzige, was uns ewig jung hält. Jetzt bin ich schon wieder bei der Jugend. Worum ging es noch gleich? Um ein Altwerden, das Spaß macht.


GEDANKEN UND WORTE

Frage: „Ich bin häufig völlig erschöpft. Manchmal glaube ich, ich kann es nicht mehr schaffen. Das Leben überfordert mich irgendwie. Mein Kopf ist randvoll, ich schlafe schlecht, ich bin wie gerädert. Ich höre mich jeden Tag reden und frage mich: Was rede ich da eigentlich? Hat das alles überhaupt einen Sinn?“

Schon die Fragestellung übermittelt einen Zustand voller Lärm, Stress und Chaos. Um zu wissen, ob „das alles“, also unser Leben hier auf der Erde, einen Sinn hat, müssen wir zuerst Ruhe in uns einkehren lassen, denn im Durcheinanderlärmen der Gedanken, Gefühle, Worte und Handlungen sind wir unfähig, uns zu spüren. Wir sind das Resultat vieler Einflüsse, wir haben so viele Erinnerungen in uns abgespeichert, haben uns Verhaltensweisen angewöhnt, haben uns angepasst, verändert, eine „Lebenseinstellung“ bekommen - und haben während dieses ganzen Prozesses womöglich viel zu selten Stille in uns einkehren lassen, um zu wissen, wer wir eigentlich wirklich sind und was wir wollen. Um diese Stille herzustellen, müssten wir uns zurückziehen und aufhören zu denken. Wir müssten unsere Gedanken und die angekoppelten Gefühle loslassen und in die Qualität des reinen Seins gehen.

Zuerst sollten wir den Gedanken loslassen, es sei normal, ununterbrochen zu denken. Viele Menschen haben Probleme damit, nicht zu denken. Sie lassen ihr Gedankenkarussell weiterlaufen, weil sie längst die Kontrolle darüber verloren haben. Manche Gedanken bleiben Tage, Wochen, sogar Jahre sitzen, sie weigern sich auszusteigen. Hier müssen wir unsere Macht wieder an uns nehmen. Wir sind die Karussellbesitzer, wir entscheiden, welchem Gedanken wir wie viele Runden erlauben. Wir haben sogar das Recht, das Karussell anzuhalten und niemanden mehr mitzunehmen. Das heißt: wir können jederzeit entscheiden, an absolut nichts zu denken. Unsere Gedanken steigen dann einer nach dem anderen aus. Wir beobachten sie dabei. Wenn wir aufmerksam genug hinschauen, fällt uns auf, dass wir viele Gedanken ohne Lösungsansatz immer wieder gedacht haben. Wir beginnen, zuzuhören und uns zu fragen: Was sind das denn für Gedanken?

Viele Probleme, Ängste, Zweifel und Sorgen können gehen, weil wir sie nun endlich wahrnehmen und im nächsten Schritt lösen. Sie wollen dann gar nicht mehr ins Karussell zurück, sie sind plötzlich erwachsen geworden, entwachsen uns, sind zu alt geworden für die immer gleichen Runden. Stattdessen wollen sie Neues sehen und denken. Je mehr Platz wir in unserem Kopf durch das Loslassen und Lösen schaffen, desto mehr Platz haben wir für die wirklich wichtigen Gedanken, aus denen dann unsere Pläne heranreifen und in die Wirklichkeit übertragen werden können. Bei allem, was wir vorhaben, hat der Gedanke des Loslassens und Abgebens höchste Priorität, weil dann Kräfte zu wirken beginnen, für die vorher kein Raum war.

Sobald wir dies getan haben, wird vollkommene Ruhe einkehren. Wir können uns dann daran gewöhnen, jeden Morgen fünf Minuten lang an nichts zu denken. Schon diese kurze Zeit wird uns auftanken und immer wieder neu mit uns selbst vernetzen. Der Mensch ist von Natur aus träge und gewöhnt sich ungern an Dinge, von denen er glaubt, sie seien nicht unmittelbar nötig für ihn. Doch diese fünf Minuten werden Gewinn bringen. In unserer Ruhe, unserer inneren Stille liegt die Kraft.

Man kann beobachten, dass Menschen, die hektisch sind, gestikulieren und übermäßig viel reden, ihre Kraft und die der anderen erschöpfen. Viele Worte müssten nicht gesprochen, viele Taten nicht getan werden. Wozu dient das Wort? Wo ist es wirklich vonnöten? Es dient zu schönen Aussagen wie ,Ich liebe dich’, ,Das hast du schön gemacht’, ,Ich freue mich auf dich’. Man kann dasselbe auch mit den Augen ausdrücken, aber schöne Worte streicheln die Seele des anderen und sind deshalb wichtig.

Wir brauchen die Worte der Anweisung und Belehrung, der Aufmunterung, des Trostes, der Anspornung, wir brauchen die Worte für Bücher, Gedichte, Lieder. Aber brauchen wir auch die Worte der Eitelkeit, mit denen sich jemand zu einer vermeintlichen Größe aufbläht, weil er seine wahre Größe nicht kennt? Brauchen wir die Worte eines Hasspredigers, der Gewalt sät, nur weil er mit sich unzufrieden ist? Brauchen wir die Worte des Neides, der Missgunst, die unser Denken vergiftet haben und nun wie eine Krankheit auf andere übergehen? Brauchen wir die Worte der Überredung, mit denen wir den anderen zu etwas bringen, was nicht ihm, sondern uns nützt? Brauchen wir die Worte der Verachtung, mit denen man beweist, dass man nicht nur seine Mitmenschen, sondern sich selber nicht respektiert?

Gedanken und Worte sind kostbar. Alles, was je gedacht und gesagt wurde, ist im kosmischen Gedächtnis gespeichert. Auch um das kosmische Gedächtnis zu reinigen ist es wichtig, unsere Gedanken und Worte zu sortieren, die störenden loszulassen und nur die heilenden zu behalten. Wenn wir dieses Umsetzen lernen, werden wir uns erheblich besser fühlen. Und dann können wir vielleicht beurteilen, ob unser Leben sinnvoll ist oder nicht.


WO IST DAS PARADIES?

Frage: „Ich habe gehört, dass Sie an das Paradies glauben. Schauen Sie sich doch mal um auf der Welt. Wo ist denn da das Paradies?“

 Ja, ich glaube an das Paradies und ja, ich schaue mich um auf der Welt und stelle fest, dass vieles nicht paradiesisch ist. Natürlich nicht. Und das nicht erst seit heute, sondern vermutlich, seitdem es Menschen gibt. Schon uralte Keilschrift-Aufzeichnungen berichten von Kriegen, Verrat, Mord und Totschlag, die Bibel ist voll von Geschichten, bei denen sich die Haare sträuben angesichts der Schlechtigkeit der Menschen. Dazu kommen in vielen verschiedenen Religionen rach- oder vergnügungssüchtige Götter, die es zu besänftigen oder überlisten gilt oder denen man es möglichst recht machen soll, damit man in das Paradies kommt, das häufig als überirdisch schöner Garten beschrieben wird. Nehmen wir mal den Islam als Beispiel. Dort darf „Mann“ nach seinem Ableben auf weichen Kissen herumliegen und sich von „ewig jungen Knaben“ bewirten lassen. Dazu kommen noch zwei, vier oder zweiundsiebzig (je nach Auslegung) „großäugige, vollbrüstige, in den Zelten abgesperrte Houris“ (Damen), ... „die vor ihnen weder Mensch noch Dschinn entjungfert hat." (55,72.74). Und da es selbst im Paradies zu Eifersüchteleien kommen könnte, regelt man das nach Abu Musas Prophetenauslegung so: "Wahrlich, im Paradies wird jeder Muslim ein Zelt besitzen, das aus einer einzigen ausgehöhlten Perle gemacht ist, die einen Durchmesser von 60 Kos hat; und in jeder Ecke dieses Zeltes befindet sich eine seiner Frauen, und sie können sich nicht gegenseitig sehen, und der Muslim liebt sie abwechselnd." Das mit den Knaben bleibt unklar; werden sie in ihrer Funktion als Kellner belassen und kommen noch andere Dienstleistungen hinzu? Und: Kommen Frauen vielleicht nur als Houris ins Paradies?

In der christlichen Version spielen wir hingegen Laute und lustwandeln in der Natur, als Christen sind wir im Paradies eher ungeschlechtlich wie die Engel. Das Lamm liegt beim Löwen, das finde ich sehr sympathisch und erstrebenswert. Bei den Buddhisten ist alles ganz einfach. Dort gehen wir in das Nirwana ein, in das reine Sein, die absolute Losgelöstheit von allem, ein Zustand, den man auch schon zu „Lebzeiten“ erreichen kann (obwohl wir ja weder vorher noch nachher wirklich „tot“ sind).

Wie soll man sich in diesem Paradies-Wirrwarr noch auskennen? Kann man sich je nach Religion eine Version aussuchen? Dann würde man den Islam vermutlich nicht wählen, da dort unterschiedslos alle Verstorbenen erst einmal ins Höllenfeuer geworfen werden und Allah dann entscheidet, wen er herauspickt. Und das geht nicht immer gerecht zu, denn er wählt manchmal auch Sünder für das Paradies aus. Dem christlichen Gott reicht es inzwischen im Gegensatz zu früher vollkommen aus, wenn wir ein Bekenntnis zum Erlöser abgeben und ein gottgefälliges Leben in Liebe führen, um von der Erbsünde freigesprochen und von der Hölle verschont zu bleiben. Man kann allerdings auch als Zeuge Jehovas dienen und wird dann eventuell einer der 144.000 sein, die nach ihrem Tod in den Himmel kommen und mit Jesus als Anführer die Menschheit regieren, die dann nur noch aus Zeugen Jehovas besteht. Warum? Weil Gott in einem Krieg gegen alle Ungläubigen plus Satan den Schutz seiner Gläubigen und die Ausrottung der anderen sichergestellt hat.

Sie sehen: es ist hochinteressant, sich mit dem Paradies auseinanderzusetzen. Wo ordne ich mich ein? Für mich ist das Paradies kein Ort, sondern ein Zustand. Jeder könnte das Paradies in sich verwirklichen. Es definiert sich für mich über das Ausmaß der Liebe, die wir nicht nur in uns tragen, sondern auch leben. Keine Spur von Wettkampf unter konkurrierenden Vollbusigen, kein Gedanke an ein angstvolles und letztlich egoistisches Streben nach einem der 144.000 Plätze. Paradies bedeutet für mich: wir giften uns nicht mehr gegenseitig an, wir verletzen uns nicht mehr. Kein Machtgehabe, keine Unterdrückung, keine Respektlosigkeit. Kein Mord- und Totschlag. Das reine Sein in Achtsamkeit, Zugewandtheit, Präsenz. Paradies bedeutet für mich auch: den Humor zu leben. Humor ist warm. Er verwandelt die Menschen, lässt sie lachen, im besten Sinne kindlich werden.

Was ist nur so schwer daran zu lieben? Wir lieben nicht, weil wir nicht geliebt wurden? Ist das ein „guter“ Grund? Oder: wir lieben nicht, weil wir voller Hass sind auf jene, die uns Unrecht zugefügt, uns etwas genommen oder zu wenig gegeben haben? Verständlich, aber ist das ein „guter“ Grund, um sein Herz zu verschließen? Denn ein verschlossenes Herz kann weder den Feind noch den Freund lieben, geschweige denn den Partner oder die eigenen Kinder. Verschlossen ist verschlossen. Oder öffnet man es einen Spalt weit für wenige und verschließt es für die anderen wieder? Unterscheidet man, wer liebenswert ist und wer nicht? Kann man das überhaupt beurteilen?

Genau dieses Abwägen macht Liebe so kompliziert. Goethe sagte es so: „Wir sind unsere eigenen Teufel, wir vertreiben uns aus unserem Paradies.“ Einfach wäre es, nicht mehr abzuwägen, sondern unterschiedslos zu lieben. Und bei sich selbst damit anzufangen. Womit wir beim Urchristentum wären oder beim Ursprung vieler anderer Glaubensrichtungen, die im Grunde alle dasselbe vermitteln. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Und Lieben heißt Lieben, nicht Abwägen, Zurückhalten, Zuteilen wie ein Kaufmann. Aus dieser Liebe heraus würden wir immer das Beste in uns und im Nächsten ansprechen und fördern. Das Paradies kann ein sehr irdischer Zustand sein, sobald wir die unendliche Kraft und Fantasie, die uns verliehen wurde, dafür verwenden, es jetzt „herzustellen“. Löwen und Schafe liegen dann deswegen beieinander, weil der Große den Kleinen nicht mehr fressen muss. Keiner muss mehr voller Verzweiflung und innerer Leere den Mangel an Liebe kompensieren, indem er Milliarden scheffelt und auf verschiedenen Konten in übersee in „Sicherheit“ bringt. Keiner muss mehr andere Völker unterwerfen, Menschen umbringen oder quälen, um statt Liebe wenigstens Macht zu spüren. Nichts kann die Liebe ersetzen. Ist das schwer zu erkennen? Nein. Eigentlich weiß es jeder schon ganz lange. Was hindert uns also daran, die Erkenntnis in die Tat umzusetzen? Der Nachbar, der uns mit der Giftspritze ärgert, weil wir doch alles ökologisch anbauen? Die Kollegin im Büro, die täglich ihre schlechte Laune an allen anderen auslässt? Der Chef, der seine Mitarbeiter gnadenlos ausbeutet? Der prügelnde Ehemann? Die Mutter, die sich, ohne es selber zu merken, so verhärtet hat, dass sie ihre Kinder nicht mehr sieht?

Es ist ein langer Prozess, bis jeder einzelne seine Wunden entdeckt hat und bis er versteht, dass nur er selbst diese heilen kann und soll. Es hat keinen Sinn auf jemanden zu warten, der uns unsere eigene Heilung abnimmt. Es wird nicht geschehen und es würde nicht funktionieren. Kein anderer kann es uns abnehmen, die Entscheidung zur Liebe zu treffen. Aber wir sind fähig dazu, trotz allem, was in der Vergangenheit geschah. Fähig dazu sind auch die um ihr eigenes Lied kreisende Mutter, der grausame Ehemann, der gnadenlose Chef, die giftige Kollegin oder der kurzsichtige Nachbar. Dort liegt das Paradies, genau in dieser Entscheidung. Wir alle können ab sofort ein Stück Paradies in uns und um uns herum erschaffen. Natürlich auch, indem wir uns klar abgrenzen gegen Menschen, die quälen und unterjochen und indem wir die, die noch nicht lieben, an ihren grausamen, einsamen Taten hindern und durch die Justiz strafen, solange es nötig ist. Wir müssen unbeeindruckt bleiben und weiterlieben und dadurch Maßstäbe setzen, vorangehen und zeigen, dass sich Liebe besser anfühlt als das Dunkel, das wir im Prinzip alle in uns tragen. Wir sind noch nicht dort, wo wir hinwollen, aber wir sind auf dem Weg dorthin, auf dem Weg in das Paradies, das eigentlich schon in uns ist. Was könnte uns daran hindern, unser Ziel, die Ent-Deckung dieses Paradieses in uns zu vollziehen? Sagen wir es mit Seneca, dem Jüngeren, einem jener alten Römer, die niemals alt waren und sein werden: „Nicht, weil es unerreichbar ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es unerreichbar.“ Wir sollten es wagen.


WAS, WENN DER SEELENPARTNER NICHT WILL?

Frage: „Ich möchte mit jemandem eine Beziehung haben, der sich aber nicht entschließen kann, zu mir zu stehen. Dabei ist er nicht gebunden. Soll ich warten oder aufgeben? Ich habe das Gefühl, wir sind füreinander bestimmt. Aber ich habe auch keine Lust, wer weiß wie lange zu warten. Aber wenn ich nicht warte und er sich dann entschließt?“

Im Prinzip ist es so: wenn man liebt, strebt man zueinander. Liebe bedeutet, den anderen in seinem Ideal zu sehen, ihn vielleicht zu verklären, auf jeden Fall aber das Positive in ihm stärker zu bewerten als das vermeintlich Negative. Man hat die Kraft, über die Eigenheiten des anderen hinwegzusehen oder über sie lächeln. Die Frage stellt sich nicht, ob man es riskieren könne, mit dem anderen zusammen zu sein, man will es einfach, und zwar so oft und so lange wie möglich. Liebe beinhaltet Mut, Entscheidungsfreude, Hingabe, Fantasie, Humor. Wenn all dies nicht gelebt werden kann, dann fragt sich: Warum nicht? Wo gibt es Bedenken, wo hakt es? Normalerweise muss man mit der Suche nach Antworten bei sich selbst beginnen und sich fragen: Wie beziehungsfähig bin ich denn? Kann ich lieben? Ist mein Herz warm und offen? Oder bin ich eher misstrauisch, vorsichtig, kritisch, abweisend, verletzlich, launisch? Was erwarte ich vom Partner? Bin ich zu anspruchsvoll? Will ich etwas von ihm, was ich selber nicht erfüllen kann? Setze ich ihn unter Druck? Wie haben meine Eltern mir Beziehung vorgelebt? War sie überzeugend, spürte man Liebe zwischen ihnen oder eher Hass, Ungeduld, geheime, nicht geäußerte Vorwürfe? War die Ehe der Eltern glücklich oder von Streit geprägt, von Opferhaltung und Schuldzuweisungen?

Und wie steht es mit ihm? In welchem Zustand ist sein Herz? Ist er verletzt worden und scheut eine neue Enttäuschung? Was hat er bei seinen Eltern erlebt? Wie definiert er „Freiheit“, wie „Glück“? Es reicht nicht, dass einer von beiden meint, den Seelenpartner gefunden zu haben, beide müssen dies empfinden. Es besteht keine Verpflichtung zu lieben. Liebe ist das schönste, was man geben kann, aber man muss es nicht tun. So wie die Eltern ihre Kinder nicht lieben müssen, sondern wollen. Meistens jedenfalls. Wenn der eine meint, der andere sei das Ideal, reicht dies nicht aus. Vom peruanischen Schriftsteller Mario Vargas Llosa stammt der desillusionierende Spruch: „Einer liebt immer mehr.“ Das kann, muss aber nicht so sein. Es gibt die Liebe, bei der beide gleichermaßen lieben. Das ist nicht unbedingt immer ein Geschenk, es erfordert auch den Willen zu lieben. Ein Paar, das sich vielleicht auf den ersten Blick verliebt und auf den zweiten in die Haare gerät und auf den dritten trennt, könnte versuchen, den Zustand der ersten Liebe wieder herzustellen. Man kann auch versuchen, den zweiten und dritten gar nicht erst aufkommen zu lassen, indem man die Liebe immer wieder frisch hält.

Das geht aber nur, wenn man sich selber mag. Viele Liebesbeziehungen scheitern daran, dass sich die jeweiligen Partner selbst nicht mögen, dies auf den anderen projizieren oder von ihm ständige Bestätigung erhoffen. Das artet dann aus und wird anstrengend. Wer sich selbst nicht mag, wird auch die Liebesbezeugungen des anderen nicht wirklich annehmen können. Er wird sagen: „Du sagst mir nur, dass du mich liebst, weil du etwas von mir willst“ oder „Du sagst mir nur, dass du mich schön findest, damit du deine Ruhe hast.“ Und so weiter. Und so ist es natürlich einfacher, einen Menschen zu idealisieren, der sich zurückhält, der eben nicht in die Beziehung einwilligt. Er ist dann das Ideal, das durch den Alltag nicht beschädigt werden kann. Er ist der Traumpartner, der nur einen Fehler hat: dass er nicht will.

Ich rate also in diesem Fall zur Selbstanalyse. Wenn ich mir alle Fragen beantwortet habe, stelle ich vermutlich fest, dass ich mich selbst nicht sonderlich mag oder geprägt bin von einem Empfinden und Verhalten, das Liebe mit Wut, Groll, Ungeduld, Sehnsucht und vielem anderen vermischt hat; obwohl ich eigentlich das Gegenteil anstrebe. Die logische Konsequenz aus dieser Erkenntnis ist, dass ich versuche, so konsequent wie möglich meine Liebe von all diesen Beigaben zu reinigen und einfach nur zu lieben. Warum sollte es auch nicht einfach sein zu lieben? Was ist kompliziert daran? Vielleicht wäre die Beziehung dann möglich. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht würde ich dann sogar sehen, dass die angestrebte Partnerschaft auf einer Illusion beruhte und in das gemeinsame Unglück geführt hätte. Und trotzdem oder gerade deswegen wäre ich ein großes Stück weitergekommen und könnte demjenigen dankbar sein, der mich dazu gebracht hat, mein liebloses oder besser: unbewusstes Verhalten aufzugeben. Und so war man vielleicht nicht als Partner füreinander bestimmt, sondern als Wecker. Was nicht das Schlechteste ist. Denn schlafen können wir alle später noch lange genug.


PANIK UND ERINNERUNG

Frage: „Können Sie etwas zu Panikattacken schreiben?“

Wie fühlen sich Panikattacken an? Der Mensch wird überrollt von Angst, es ist eine irrationale Angst, die sich an Kleinigkeiten entzünden kann, ein Papiergeknister, eine Sirene, der Anblick einer Menschenmenge, Wasser, die Nacht, ein bestimmter Geruch. Manchmal gibt es auch gar keinen speziellen Auslöser für diese Angst, die sofort alle Lebensfreude nimmt, die Knie weich macht und verhindert, dass man vor die Tür geht. Das eine wie das andere scheint vollkommen unerklärlich zu sein, es ist medikamentös oder durch Gesprächstherapie nicht wirklich zu behandeln, der Mensch scheint von Grund auf destabilisiert, desorientiert, womöglich konditioniert auf bestimmte Reize, deren Auslöserwirkung wir nicht einordnen können. Die Aufforderung: „Reiß dich zusammen!“ ist wenig hilfreich, die Einschätzung: „Der oder die stellt sich nur an!“ ebenso wenig. Was tun?

Ich sehe zwei Ursachen für diesen seltsamen Zustand. Die eine liegt in der Entfernung des Menschen von sich selber, von seiner Ur-Sicherheit, seinem Selbstvertrauen, seiner Selbstzufriedenheit. Der verunsicherte Mensch, der sich nichts wirklich zutraut, sich übermäßig kritisiert, seine Ziele zu hoch steckt und davon ausgeht, dass er sie sowieso nicht erreichen kann, ist ein leichtes Opfer für die Existenzangst, die mit den Panikattacken einhergeht. Das familiäre Umfeld ist meistens auch schon verunsichert, es fehlen Integrationsfiguren, die warm und herzlich sind, auf deren liebevolle und geduldige Führungskraft wir zählen könnten. Stattdessen wird überall gesucht, hinterfragt, zu viel Angst und Sorge gedacht und zu wenig Lebensglück erreicht. Es geschehen familiäre Katastrophen, Missbrauch, Alkoholismus, Gewalt, Erbstreitigkeiten, die eventuell verdrängt wurden. Auch ein Schock wegen plötzlich hereinbrechender Ereignisse wie Unfälle oder der Verlust Nahestehender kann den Menschen dazu bewegen, Fakten ins Unterbewusste abzudrängen, aus dem dann die überwältigenden und nur scheinbar irrationalen ängste herrühren.

Die zweite Ursache ist eigentlich keine zweite Ursache, weil sie nur das Feld unserer Wahrnehmung erweitert. Es geht um die Erinnerung an traumatische Erlebnisse in früheren Leben. Da wir in Deutschland als Kollektiv die Reinkarnation weitgehend für nicht existent halten, stehen uns wenig Möglichkeiten zur Verfügung auf ängste zu reagieren, die dort ihre Ursache haben könnten. Ein Mann, der regelmäßig von Panik überrollt wird, wenn mehr als zwanzig Personen um ihn herum stehen, wird sich als nicht rational, womöglich als verrückt einstufen. Was aber, wenn er in einem früheren Leben von einer Menschenmenge gelyncht worden ist? Ist dann die Angst nicht vollkommen rational? Sie ist zwar nicht mehr zeitgemäß, denn in diesem Leben wird sich das Vorkommnis höchstwahrscheinlich nicht mehr ereignen, aber logisch ist die Angstreaktion schon. Ein Baby, das regelmäßig überreagiert und sich die Seele aus dem Leib brüllt, wenn mit Papier oder Cellophan geknistert wird, erinnert sich womöglich an eine Feuersbrunst. Jemand, der in Aufzügen oder engen Räumen ausrastet, ist vielleicht irgendwann verschüttet oder eingemauert worden. Der Erwachsene, der sonst vielleicht ganz mutig auftritt, der aber Todesangst bekommt, sobald er im Schwimmbad einige Schwimmzüge machen soll, ist womöglich ertrunken oder gar ertränkt worden. Wer wollte da noch sagen: „Dieser Mensch ist verrückt.“ - ? Sollte man nicht vielmehr sagen: „Dieser Mensch erinnert sich.“ - ?

Die Reinkarnationstherapie liegt im Trend. Ist sie wirklich nur eine Modeerscheinung oder vielmehr der Weg in ein neues Menschen- und Lebensbild bzw. ein sehr altes und vielleicht weiseres als das westliche, mechanistische? Ich sage bewusst nicht: „das christliche“, denn für viele der ersten Christen gehörte die Reinkarnation zum Weltbild. Relikte dieser überzeugung finden sich in der Bibel, zum Beispiel in Matthäus 11:14-15, wo die Jünger Jesus nach der wahren Natur des Johannes fragen und Jesus zur Antwort gibt: „Und wenn ihr es gelten lassen wollt: Ja, er ist Elija, der wiederkommen soll. Wer Ohren hat, der höre!“ Viele unserer großen Geister hielten die Reinkarnation für mehr als möglich, Giordano Bruno, Lessing, Goethe, Schopenhauer, um nur einige zu nennen. Obwohl der Gedanke offiziell (auf Betreiben machthungriger Herrscherpersönlichkeiten wie Konstantin oder Theodora, der Gattin Justinians) aus dem christlichen Glaubenskanon gestrichen wurde, müssen wir nicht gleich unser Christentum über den Haufen werfen, nur weil wir uns gedanklich nicht an den Kanon halten. Wissenschaft bedeutet eben auch: alles für möglich zu halten, damit nichts übersehen wird. Logische Strukturen aufzuspüren bedeutet: „Wissen schaffen.“ Stattdessen aber wurde im Laufe der Geschichte ein Wissen abgeschafft, das den Mächtigen die Macht über ihre Gläubigen genommen hätte. Wer weiß, dass er aufgrund seiner Taten oder Untaten sein Schicksal im nächsten Leben beeinflusst, wird anders mit seinem jetzigen Leben umgehen, er bekommt mehr Verantwortung und somit mehr Freiheit als der, der sich denkt: „Nach mir die Sintflut“ und im Jenseits vielleicht vom Fakt der Reinkarnation überrascht wird. Es geht dann auch nicht mehr um Paradies oder Hölle als Abschluss eines einzigen, willkürlich armen oder reichen, glücklichen oder elenden Lebens, sondern um die kontinuierliche Höherentwicklung des Menschen aus eigener Kraft durch die Erweckung seiner Liebe, die der Schöpfer ihm mitsamt seiner Freiheit zum Gegenteil eingepflanzt hat.

Einer der bekanntesten Reinkarnationsfälle des 20. Jahrhunderts ist der eines dreijährigen indischen Mädchens namens Shanti, das von seinem früheren Leben sprach. Auch später in der Schule erzählte Shanti ihren Freundinnen, dass sie eigentlich Lugdi heiße, verheiratet sei und ein Kind habe, bei dessen Geburt sie gestorben sei. Als sie acht war, setzte sich Mahatma Gandhi persönlich dafür ein, dass eine Forschergruppe, bestehend aus Psychologen, Kongressabgeordneten und Journalisten Shanti nach Mathura begleitete, wo sie nach ihrer überzeugung vorher gelebt hatte. Sie erkannte alles wieder, ihre Verwandten aus dem letzten Leben, die Umgebung, Details, die verändert worden waren. Shanti ist kein Einzelfall. Es gibt (ein Beispiel unter vielen) das Buch des kanadischen Mediziners und Psychiaters Ian Stevenson, der die Berichte von über zweitausend Kindern aus aller Welt untersucht hat, die sich an frühere Leben erinnern konnten. Es ist so vieles in unserer Geschichte passiert, so viele Menschen sind unter oft fürchterlichen Bedingungen gestorben. Falls es die Reinkarnation wirklich gibt, müsste sie Spuren in uns hinterlassen haben. Und dann sind die Panikattacken die Spitzen der Eisberge, die noch unerkannt im Meer unseres Unterbewusstseins herumschwimmen. Nimmt man den allseits verehrten Mahatma Gandhi und beispielsweise den Dalai Lama als Führerpersönlichkeiten ernst, sollte man sich auch ernsthaft mit der Reinkarnation befassen - für beide war bzw. ist sie eine Selbstverständlichkeit. Man kann natürlich auch sagen: „Was das betrifft, befinden sich diese beiden großen Führer leider in der Gesellschaft vieler anderer großer Geister: Sie waren bzw. sind falsch informiert.“


VON DER LIEBE ZUM WINTER

Der Winter steht vor der Tür. Das ist nicht allen Menschen angenehm, viele fürchten sich vor den langen dunklen Nächten, den kalten grauen Tagen, der Kargheit in der Natur und der damit einhergehenden Melancholie. Traurigkeit als Seelenzustand ist gefürchtet, die Angst vor einer Depression lauert, einem Zustand der Schwere und Antriebslosigkeit, aus dem man womöglich nicht mehr herausfindet. Der Winter symbolisiert im Extrem die Abkehr von der Sinnenfreude und die Einkehr in die eigene Seele. „Halt!“, wird da manch Winterliebhaber aufbegehren, „Abkehr von der Sinnenfreude? Und was ist mit gemütlich erleuchteten Innenräumen, weichen Kuschelsocken und -pullis, Kerzenschein, klassischer Musik vor dem flackernden Kamin, Bratäpfeln, Spaziergängen durch den Schnee, dem Geruch frisch gebackener Weihnachtsplätzchen und all den anderen winterlichen Vergnügungen?“

Kargheit und Fülle - der Winter hat beides zu bieten! Das scheinbare Ersterben in der Natur, das ja nur ein Sammeln neuer Kräfte mit folgender Wiedergeburt bedeutet, enthält die Möglichkeit der Vereinfachung. Wir werden nicht mehr so stark abgelenkt von unserem seelischen Befinden, wir können uns Zeit nehmen und uns fragen: „Wer bin ich? Was tue ich? Macht mir mein Leben Spaß? Will ich etwas verändern? Oder ist es genauso, wie ich es haben will?“ Diese Fragen müssen nicht immer gleich von seelischen Krisen begleitet werden. Man kann sie sich dann und wann stellen, um sich zu überprüfen. Im Winter fällt einem dies eher ein als im Sommer. Der Sommer trägt uns auf den Schwingen der Blütendüfte durchs Leben, wir sind umringt von Farben, Gerüchen, Bewegungen, es zieht uns genauso stark hinaus, wie es uns im Winter im Hause hält. Wenn die Bäume ihre Blätter verloren haben, zeigen sie ihr Gerüst - Stamm und Zweige - unverhüllt. Der Winter ist ein großer Vereinfacher. Er zieht alle Hüllen weg, alle Verkleidungen, er lässt sich nichts vormachen, er will wissen, was dahinter oder darunter steckt. Er fördert die Wahrhaftigkeit. Im auf den Menschen übertragenen Sinne heißt das: „Bin ich echt in allem, was ich sage und tue? Was wäre, wenn man in mich hineinschauen könnte - hätte ich viel zu verbergen? Verberge ich mich vor mir selber? Und wenn: wo? Und wie oft?“

Diese Fragen sind echte Winterfragen. Man kann sie sich natürlich auch im Sommer stellen. Aber ihrer Natur nach sind sie winterlich, entblätternd, analysierend, sie sind kälter als die warmen, wenn auch nicht unbedingt immer wärmenden Sommerfragen: „Welchen Bikini ziehe ich an? Und kann ich es mir überhaupt leisten, ihn anzuziehen? Wie sehe ich überhaupt aus?“ Man sieht: Sommerfragen sind nicht unbedingt leichter zu beantworten als Winterfragen. Man muss es auch nicht tun. Die Frage ist eine Sache, die Antwort eine andere. Dafür ist weder der Winter noch der Sommer zuständig.

Winter bedeutet auch Weihnachten, das Fest, an dem zuletzt Christus uns an unser eigenes Licht erinnert hat. Wir als Lichtwesen vermählten uns mit der dunklen Materie, dem Körper, strahlen aber über seine Grenzen hinaus. Je besser wir lieben können, desto mehr strahlen wir. Der Weihnachtsbaum, die dunkle Tanne mit den aufgesteckten Lichtern ist ein Sinnbild dafür. Der Schmuck deutet auf unsere verschiedenen Begabungen hin, jeder Baum ist anders geschmückt, so wie auch jeder Mensch individuell gestaltet ist. Die überraschungspäckchen, die darunter gelegt sind, sind die Geschenke, die wir einander schon dadurch machen, dass wir existieren und miteinander leben. Das schönste Geschenk, das wir schenken können, ist die Erkenntnis, dass wir im Grunde alle dasselbe schenken und geschenkt haben wollen: Liebe. Diese Erkenntnis wird immer wieder treu geschenkt im und vom Winter, der die Wiederholung nicht scheut. Es ist eine vereinfachende Erkenntnis. Setzen wir sie um, wird unser Leben einfach (und) schön. Schon deshalb dürfen wir auch den Winter lieben, den kargen Enthüller, den reichen Beschenker.

P.S. Unsere 14jährige Tochter Marie, aufmerksame Lektorin meiner Kolumnen und Liebhaberin der dunklen Jahreszeit, kommentierte: „Danke, Mama, dass du den Winter verteidigt hast.“


Darf man sich umbringen oder nicht?

Frage: Wie stehen Sie zu Selbstmord? Darf man sich umbringen oder nicht?“

Im Prinzip darf man das natürlich tun. Wir sind freie Wesen und als solche dürfen wir darüber entscheiden, ob wir leben oder sterben. Es bleibt die Frage: Ist es sinnvoll, den „Freitod“ zu wählen? Und: Warum wollen wir sterben? Und: Sind wir überhaupt fähig, eine so weitreichende Entscheidung aus einem Verzweiflungszustand heraus zu treffen? Wenn wir uns in diesem Zustand extremer Verzweiflung befinden, können wir im Prinzip nichts mehr sehen, hören, fühlen. Wir sind blind für alles und alle, die uns umgeben. Wir sind aus unserer Liebe herausgefallen, der Liebe zu uns, der Liebe zu den anderen, der Liebe zur Schöpfung. Der Zweifel hat die Oberhand gewonnen und flüstert uns pausenlos ins Ohr: ‚Mach Schluss, es hat keinen Sinn mehr. Du wirst nicht mehr glücklich werden in diesem Leben!’ Es ist ein Zustand ‚bodenloser’ Hoffnungslosigkeit, wir fallen immer tiefer in ihn hinein und können uns einen anderen, glücklichen Zustand gar nicht mehr vorstellen.
Wir sagen uns: ‚Niemand liebt mich. Keiner ist für mich da und das wird so bleiben. Das Leben hat keinen Sinn mehr für mich.’ Oder: ‚Ich bin völlig nutzlos. Niemand wird mich vermissen. Ob ich da bin oder nicht, interessiert keinen Menschen.’ Manche denken auch ganz kindlich: ‚Wenn ich tot bin, werden die anderen vielleicht bemerken, dass sie mich hätten lieben müssen. Es geschieht ihnen recht, wenn ich nicht mehr da bin und sie sich damit quälen müssen, dass sie mich übersehen haben.’
Der Grund für Selbstmord ist fast immer fehlende Liebe. Wenn Liebe gegeben und empfangen wird, hat der Mensch alles, was er zum Leben braucht. Liebe macht ihn glücklich. Ein Leben ohne Liebe ist sinnlos. Manche Menschen können trotzdem ohne sie leben, sie nehmen die Sinnlosigkeit in Kauf, andere nicht.
Wir haben eine große Scheu davor, uns das Leben zu nehmen. Das hängt nicht nur mit der Stigmatisierung des Freitodes im kirchlichen Christentum zusammen und der Aussicht, nicht auf dem Friedhof beerdigt zu werden und nicht in den Himmel zu kommen, sondern auch mit der Urangst zu sterben. Hand an sich zu legen erfordert eine fast übermenschliche Selbstüberwindung. Es ist eine der schwersten Entscheidungen, die wir treffen können und eine der tragischsten. Dazu kommt der Gedanke an die, die man zurücklässt. Wenn wir uns umbringen, ist dies eine schwere Bürde für unsere Nächsten. Sie werden sich ihr Leben lang nicht von dem Gedanken befreien können, dass sie die Ausweglosigkeit der Lage falsch eingeschätzt haben, dass sie versagten, da wo sie gebraucht wurden, dass sie keine Möglichkeit mehr haben werden, ihre ‚Schuld’ oder ihr Versäumnis wieder gut zu machen. Selbst für die, die davon ausgehen, dass der Tod nicht endgültig ist und dass wir in anderer Form weiterleben, ist es schwer, die rein körperliche Abwesenheit eines so gut wie möglich geliebten Menschen zu ertragen. Denn wir haben uns so auf die Materie eingelassen, dass wir einander sehen wollen, berühren, hören, riechen, schmecken.
Wie entrinnen wir der Potenzierung von Sinnlosigkeit, wenn wir nicht geliebt wurden und auch nicht wissen, wie wir lieben können? Wenn wir uns in uns selber verirrt haben? Wie können wir die Liebe wieder in unseren Herzen installieren, wenn wir unser Herz gar nicht mehr fühlen, wenn wir sogar argwöhnen wir oder die anderen hätten keins? Wie können wir wieder Lebensmut gewinnen, wenn wir ihn ganz und gar verloren haben oder nie hatten? Wenn wir körperlich oder seelisch missbraucht worden sind, uns einsam fühlen, voller unerklärlicher ängste stecken, keinen Schritt mehr vor die Tür machen können? Wenn jeder Atemzug uns schwer fällt und der Himmel uns auf die Schläfen drückt? Wenn das Sonnenlicht uns ersticht, der Regen uns ertränkt, der Nebel uns erstickt, der Schnee uns erfrieren lässt?
Nur wir selber können untersuchen, wo uns der Lebensmut abhanden kam, ob es am Elternhaus lag oder an der Schule, an mobbenden Arbeitskollegen oder falschen Freunden. Nur wir selber können aber auch beschließen, kein Opfer mehr zu sein, Opfer irgendwelcher Menschen oder Lebensumstände. Wir können beschließen, Missstände nicht länger passiv zu erdulden, sondern aktiv zu werden, anzupacken und das eigene Schicksal zu wenden. Wenn wir dabei unser Glück anvisieren, ist das vollkommen in Ordnung. Wir ahnen oder wissen, dass es einen Zustand der Glückseligkeit gibt. Und wir wissen vielleicht auch schon, dass dieser Zustand des Glücks unseren Urzustand beschreibt. Glück ist unsere ursprüngliche Seinsform. Glück gehört zu uns wie das Atmen. Der Unterschied liegt nur darin, dass wir nicht glücklich sein können ohne zu atmen, wir können aber atmen, ohne glücklich zu sein. Atmen allein macht eben nicht glücklich. Unser Bewusstsein der Liebe macht uns glücklich. Und wenn wir mit jedem Atemzug Liebe in uns aufnehmen, werden wir glücklich sein. Denn gelebte Liebe ist Glück.
Um aus dem Gefühl der Einkesselung herauszufinden, obwohl wir zutiefst verzweifelt sind und eben keinen Zugang zu dieser Liebe zu haben meinen, wäre es möglich, sich vorzustellen, dieser Tag wäre der letzte uns zugemessene in diesem Leben. Wir können uns sagen: ‚Dies ist das letzte Mal, dass ich in diesem Bett erwache. Dies ist das letzte Mal, dass ich diese Treppe heruntergehe, dass ich den Teppich unter meinen nackten Füßen spüre, dass ich Kaffeeduft rieche, dass ich die Vögel singen höre.’ Oder auch: ‚Dies ist das letzte Mal, dass ich meinen Mann oder Freund sehe und mit ihm rede, an dem ich meinen kleinen Sohn oder meine Tochter im Arm halte; dies ist das letzte Mal, dass sie mich anlächeln.’
Wenn wir uns diese Situation vor Augen führen, sind wir womöglich zu Tränen gerührt und stellen fest, dass wir doch noch mehr Zeit brauchen und unsere Nächsten nicht verlassen wollen. Dass wir uns noch nicht trennen können, obwohl vielleicht gerade diese Nächsten uns fern sind, obwohl Mutter oder Vater uns verflucht haben oder der Arbeitgeber gekündigt hat. Es lebt da dieser Funken Hoffnung in uns, dass vielleicht doch noch alles gut wird. Und dann könnten wir womöglich entscheiden, unsere Einstellung zum Leben zu ändern, es in die Hand zu nehmen und über uns selbst bestimmen. Und dann in Folge all das zu verändern, was veränderungsbedürftig ist und auf uns gewartet hat. Ein anderer könnte das Problem womöglich nicht lösen. Vielleicht sind wir gerade deshalb hier: um die Familie zu versöhnen, um für den kleinen Sohn da zu sein, um eine Firma zu retten oder eine andere zu gründen, um einen neuen Partner kennenzulernen und glücklich zu machen, der sonst vergeblich auf uns warten würde. Wir könnten auch überlegen, wo unsere Hilfe vielleicht lebensnotwendig sein könnte. Wir könnten uns fragen, ob wir irgendjemandem freiwillig dienen könnten, der ohne uns den Weg nicht finden würde? Diesen Weg, den wir vielleicht gerade dadurch weisen können, weil wir uns mit dem quälenden Gedanken an Selbstmord getragen haben.
Ausnahmen, die den vorzeitigen übergang in unsere geistige und seelische Heimat sinnvoll erscheinen lassen, sind womöglich schwere, unheilbare Krankheiten, überdimensionierter Schmerz, der nicht in den Griff zu bekommen ist oder andere persönliche Gründe.
Ansonsten denke ich, dass sich unser Leben hier auf der Erde schon allein deshalb lohnt, weil wir uns entschieden haben, es zu leben. Niemand hat uns gezwungen. Wir haben es uns ausgesucht. Also wird es höchste Zeit, nachzuforschen und uns zu erinnern, warum. Die Befriedigung, die uns erfüllt, wenn wir es gefunden haben, gibt uns Recht. Und dass wir unsere Bestimmung finden sollen und werden - das steht in unserem Vertrag mit uns selbst. Wir müssen uns nur die Zeit geben, den Vertrag zu finden und davon ausgehen, dass wir lesen können.

 

ADHS - eine Chance zum Glück

Frage: Bei meinem Sohn ist ADHS festgestellt worden. Soll ich ihm Ritalin geben oder nicht? Ich bin unsicher.

Dies ist eine sehr wichtige Frage. Denn ADHS wird in deutschen Arztpraxen heutzutage bei jedem zehnten Jungen festgestellt, eine Einschätzung, die die Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Berliner Charité, Ulrike Lehmkuhl, für schlichte Fehldiagnosen hält. Sie habe bei neunzig Prozent der Fälle eine andere überzeugung gewonnen, denn bei ADHS müssten drei Komponenten zusammentreffen: Hyperaktivität, Impulsivität und ein Aufmerksamkeitsdefizit, und das bereits im frühen Kindesalter. „ADHS, das in der siebten Klasse plötzlich auftritt, gibt es nicht“, lautet ihr Befund. Der amerikanische Psychiater Eisenberg, der ADHS quasi gefunden und benannt hat, distanzierte sich in seinen späten Jahren von dem um sich greifenden Wahn, alles und jedes als ADHS einzuordnen, nämlich dort, wo Jungs einfach nur wild und unangepasst ihren Lebensraum erobern wollen. In unserer modernen Gesellschaft muss der Mann nicht mehr jagen, er muss die Familie weder vor wilden Tieren noch feindlichen übergriffen schützen, also sind die Eigenschaften: körperliche Schnelligkeit, lebenserhaltende Aggression, Beschützerinstinkt, dazu die Fähigkeit, viele Dinge zugleich zu erfassen nicht länger erwünscht. Hibbelige, unkonzentrierte, uninteressierte, aggressive Jungs nerven, also bekommen sie Ritalin, eines der Medikamente, das die Pharmaindustrie mit großem Erfolg vertreibt. Novartis verdiente allein mit Ritalin im Jahre 2010 weltweit 464 Millionen Dollar. Ritalin enthält Methylphenidat, einen kokainähnlichen Wirkstoff, der gefügig, ruhig, ‚intelligent’ und abhängig macht. Die paar Nebenwirkungen, nämlich eingeschränktes Wachstum, Essstörungen, Schlafprobleme, erhöhten Blutdruck, Depression und immer wieder auch unvermittelt ausbrechende Aggression, werden in Kauf genommen.
Wir als Gesellschaft sind dabei, hunderttausende Jungen drogenabhängig zu machen. Ganz legal. Und ohne zu wissen, wie der Wirkstoff langfristig auf das Gehirn wirkt. Methylphenidat unterliegt zwar dem Betäubungsmittelgesetz, weil es ‚missbraucht’ werden kann, aber mit ärztlicher Erlaubnis ist es plötzlich keine Droge mehr.
Was brauchen die Kinder denn stattdessen? Es wurde schon vielfach festgestellt, dass sie die Zeit, die Zuwendung, die Liebe der Eltern wollen und brauchen. Viele Eltern wissen dies intuitiv und verabreichen die Pillen mit einem unguten Gefühl. Eine Mutter formulierte es so: „Wenn ich meinem Kind ein Medikament gebe, damit es in der Schule besser wird, zeige ich ihm doch, dass ich es ändern will. Dann muss mein Sohn doch denken, dass ich ihn ohne Medikament nicht ertragen kann.“
Es ist gut so zu denken. Und noch weiter zu gehen. Denn Kinder verstehen sich immer auch als Harmonisierer ihrer Familien, als Retter von Mutter oder Vater, wenn es denen schlecht geht. Dazu benutzen sie ein Hauptmittel: sie spiegeln das häusliche Verhalten. Sie machen das ganz unbewusst, sie imitieren ja nur, aber dadurch erhält jede Familie die Riesenchance, sich zu hinterfragen. Habe ich also ein Kind mit ADHS, sollte meine Frage zuallererst lauten: „Wie geht es mir eigentlich? Bin ich ruhig und ausgeglichen? Würde ich mich als glücklichen Menschen bezeichnen? Oder bin ich vielleicht unzufrieden, ungeduldig, hibbelig, suchend, sehnend, zornig, unentschieden, unsicher, voller Selbst- und Lebenszweifel? Kann ich mich gut auf mein Leben konzentrieren? übe ich meinen Beruf gerne aus? Nehme ich mir Zeit für mich selber, für meine Familie? Fühle ich mich geliebt? Bin ich fähig zu lieben? Wie steht es mit meinem Herzen? Fühlt es sich warm und lebendig an oder ist es unbewegt und eher kühl? “
Die zweite Frage müsste folgerichtig lauten: „Kann es sein, dass mein Kind keinen Defekt hat, sondern mich einfach nur spiegelt?“
Wir wenden unsere Aufmerksamkeit also der möglichen Ursache der offensichtlichen Symptome des Kindes zu. Wo man zur Ursache vorstößt braucht man keine Drogen. Man braucht Mut, den Mut hinzuschauen und sich und sein Leben eventuell zu verändern. Das bedeutet: die meisten dieser Kinder haben eben kein Aufmerksamkeitsdefizit, sondern genau das Gegenteil, sie bekommen einfach alles mit, auch das, was sie nicht mitbekommen sollen, weil wir sie ja „schützen“ wollen. Schützen vor unseren eigenen Gedanken und Gefühlen. Wir wollen ja, dass sich unsere Kinder wohlfühlen, wir wollen ihnen unsere Liebe geben und halten deshalb alles, was die Liebe stören könnte, wie ein wildes oder vernachlässigtes Tier in uns gefangen. Kinder stöbern aber überall herum, auch in unseren Gefühlen, und sie finden früher oder später das Tier, streicheln es, kümmern sich darum und adoptieren es schließlich, weil sich ja sonst keiner darum kümmert. Und schon sind unsere Probleme ihre Probleme.
Wenn wir das erkannt haben, können wir noch einen  Schritt weitergehen und sagen: „Ich danke meinem Sohn, er hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass man vor Kindern nichts verheimlichen kann, schon gar nicht den eigenen Seelenzustand. Ich danke ihm dafür, dass ich mich jetzt aus Liebe zu ihm darum kümmere, selber ausgeglichener und glücklicher zu werden.“ Und dann müssen unsere Kinder nicht länger unser Unglück imitieren, sondern sie können zur Abwechslung unser Glück spiegeln.

 

MENSCH ODER FRAU?

Frage: Mein Mann hat mir gesagt: „Ich liebe dich nicht als Frau, denn du bist nicht gut im Bett, aber ich liebe dich als Mensch.“ Was soll ich davon halten?

Das ist eine ziemlich intime Fragestellung. Ich werde, wie gewohnt, analytisch damit umgehen, das Ganze also, so gut es geht, versachlichen. Dabei ergeben sich viele Fragen. Zum Beispiel: In welchem Kontext steht diese Aussage? Will Ihr Mann Sie verletzen oder beruhigen? Haben Sie gerne Sex? Wenn ja, ist Ihr Mann der richtige Partner für Sie? Wenn nein, warum nicht? Wenn Ihr Mann Sie als Mensch liebt, müsste er sich fragen, warum es im Bett nicht klappt. Er würde Ihnen helfen, Blockaden und Verkrampfungen abzubauen und ihm zu vertrauen. Wollen Sie das? Können Sie es? Lieben Sie Ihren Mann?
Vielleicht wollte er Sie beruhigen und Ihnen zeigen, dass ihm der geistige Aspekt wichtiger ist als der sinnliche. Männer verzichten aus Liebe irgendwann sogar auf den sexuellen Akt, weil Sie ihn der eigenen Frau nicht mehr zumuten wollen, wenn Sie bemerken, dass die Frau es nicht genießt, sondern ablehnt.
Wenn man mir diesen Satz sagen würde, würde ich mich vor allem fragen: Wer bin ich und was will ich? Will ich als Sexpartner geliebt werden oder als Mensch? Und wo ist da eigentlich die Grenze? Denn guter Sex entsteht ja nur dort, wo geliebt wird. Das ist meine persönliche Meinung. Denn Sex beinhaltet die Aufgabe der Grenzen, er lässt Menschen einander so nahe kommen, dass sie verschmelzen, wenn sie es zulassen. Wenn sie es nicht zulassen, dann entsteht Distanz, auch wenn die Körper Haut an Haut liegen. Distanz bedeutet für mich: schlechter Sex.
Wenn Ihr Mann mit seiner Direktheit den Zustand dieser Distanz meint, dann könnte Ihnen seine Aussage sogar helfen. Wenn ich meinen Geliebten nicht an mich heranlassen kann, wenn ich mich verkrampfe und distanziere, dann ist Angst im Spiel. Ich habe Angst vor der Nähe, Angst vor der Konfrontation mit... ja, mit was eigentlich? Mit der eigenen gefühlten Unfähigkeit zu lieben? Mit der drohenden Möglichkeit zusammenzubrechen und ein Herz zu öffnen, in dem sich vielleicht schon zu viel Traurigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, Verdruss, Ungeduld, womöglich sogar Selbsthass angesammelt haben? Da entsteht schnell die Furcht, der andere könnte mich nicht mehr lieben, sobald er mich sieht, wie ich wirklich bin. Parallel dazu wächst die Angst vor dem ewigen Versagen in allem, sogar im Sexuellen. Die Ansprüche sind ja hoch angesetzt: die Frau soll willig sein und anschmiegsam, weich und warm, aufregend und sinnlich, aktiv und passiv. Wenn sie es aber nicht ist, wenn sie das nicht kann, wenn sie sich nicht liebt, in ihrem Körper, in ihrer Seele, in ihrem Geist nicht wohl fühlt, wird sie es entweder zeigen oder auch nicht. Unechte Emotionen aber werden entlarvt, ein Orgasmus, der dauerhaft vorgespielt wird, fühlt sich für den Mann irgendwann irgendwie falsch an. Und die Frau fühlt sich schuldig, hat mal wieder versagt, fühlt sich einsam und verzweifelt, kann sich niemandem anvertrauen, schon gar nicht dem eigenen Mann. Möglicherweise ist es das, was Ihren Mann bewogen hat, eine derart krasse äußerung von sich zu geben.
Aber selbst wenn er es nicht so gemeint hat, sondern einfach nur unsensibel und grob zum Ausdruck gebracht hat, dass er Ansprüche hat, die Sie nicht erfüllen können, können Sie daraus Nutzen ziehen. Nehmen Sie seine Worte zum Anlass für eine längst überfällige Inventur. Sie können Ihre Position überprüfen und klarstellen, dass Handlungsbedarf besteht. überlegen Sie, wer von Ihnen beiden Hilfe braucht und suchen Sie sich jemanden, dem Sie vertrauen können. Schauen Sie sich unter Zuhilfenahme Ihres gesunden Menschenverstandes alles noch einmal ganz genau an: Ihre Kindheit, Ihre jetzige Lebenssituation, Ihr Verhalten, Ihr Gefühlsleben, Ihre Wünsche und greifen Sie dort korrigierend ein, wo Sie es für nötig halten. Alles ist möglich, auch der Neuanfang. Mit oder ohne Ihren Mann. Wenn Sie ihn lieben und er sie, dann wünsche ich Ihnen beiden endlich die ideale Liebesgeschichte, die Sie verdienen.

 

DAS GLASHAUS ALS MORALISCHE INSTITUTION

Frage: Können Sie bitte über das Thema „Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen“ schreiben?

Da die Tatsache, dass wir Menschen dazu neigen, unsere eigenen Fehler auf die Mitmenschen zu projizieren, schon oft behandelt wurde, erlaube ich mir, zunächst in die freie Assoziation über das Glashaus an sich zu gehen. In der Schule haben wir bei der Abhandlung über den Calvinismus gelernt, der fanatische Reformer habe seinen Anhängern befohlen, so zu wohnen, als befänden sie sich in einem Glashaus. Jeder solle zu jeder Zeit bei jedem Menschen zuschauen dürfen. So gottgefällig möge man leben, dass man nie befürchten müsse, bei einer Sünde ertappt zu werden. Dies sei auch der Grund für die offene, fensterbetonte Bauweise niederländischer Häuser. Ich machte mir damals kindgerecht vor allem Sorgen, was wäre, wenn man aufs Klo müsste. Ohne also die ganze Tragweite der Forderung Calvins zu erfassen, lehnte ich sie schon ab. Ich habe seitdem immer mal wieder über das Glashaus nachgedacht. Und bin zu folgendem Schluss gekommen: Da der Mensch nun mal so gerne sündigt, hat alles nichts genützt, weder die Bauanleitungen, noch die hehren Worte Calvins, Zwinglis oder anderer glühender Fanatiker, die schon dadurch sünden-, also hochmutsgefährdet waren, weil sie meinten, es besser zu wissen als andere.
„Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen“ - dieser Ausspruch geht schon von der Unmöglichkeit aus, sich vollendet konform zu verhalten. Jesus formulierte nach alter rabbinischer Tradition: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Nächsten, aber den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr?“ (Matthäus 7,3) Beide Sätze nehmen lakonisch die „Sündhaftigkeit“ des Menschen in Kauf. Menschen machen Fehler. Aus den Fehlern lernen sie. Oder auch nicht. Entweder machen sie dann keine Fehler mehr oder sie machen andere Fehler. Und lernen dann wieder daraus. Oder auch nicht. Unter diesen Gegebenheiten ist es vollkommen sinnlos, auf die Fehler der anderen zu starren und sie auch noch lauthals anzuprangern. Denn sobald einzelne dies tun, geraten sie ins Zentrum der Aufmerksamkeit und werden besonders genau beäugt. Man erinnere sich nur an die zahlreichen Beispiele aus der Politik, an all die „Saubermänner“ und „Sauberfrauen“, die gegen genau das protestierten und Gesetzesentwürfe einbrachten, wo sie selber über Untiefen segelten. Nur wenige Unverfrorene wie ein Berlusconi oder die sich sicher wähnenden Gewaltherrscher in autoritären Systemen „sündigten“ ungeniert und warfen mit Felsbrocken, saßen aber derweil in Hochsicherheitshäusern, die man nicht einfach zersplittern lassen konnte.
Weder das Glashaus Calvins noch das Panzerglas eines Berlusconis jedoch hat letztendlich eine Chance. Oder um beim Glashaus-Bild zu bleiben, da es ja Thema der Kolumne ist: Idealerweise würden wir nicht deshalb nicht aus dem Glashaus heraus Steine werfen, damit wir nicht im Scherbenregen stehen. Sondern wir könnten uns aus einfacher Menschenliebe dazu entschließen, es nicht zu tun. Was hindert uns daran? Womöglich der Mangel an Selbsterkenntnis?
Was uns übrig bleibt zu tun ist, mit uns selber auszumachen, wie wir leben wollen. Wenn wir uns entschließen, so wahrhaftig und authentisch wie möglich aufzutreten, nichts Irreales vorzuspiegeln, sondern Fehler auch zuzugeben und zu korrigieren oder uns damit zu versöhnen, dass wir nicht fehlerlos sind, werden wir uns leichter tun mit dem Gutsein. überall dort, wo wir unbedingt Gutes tun, anderen helfen und ein leuchtendes, bewundertes Beispiel für die Allgemeinheit sein wollen, neigen wir dazu, ein Bild von uns zu erzeugen, das uns schließlich selber versklavt und am Gutsein hindert. Nur der freie Mensch kann lieben. Denn der Mensch, der irgendetwas in sich verdrängen muss, wird von dem Verdrängten irgendwann eingeholt werden.
Der goldene Schlüssel zum Gutsein ist demnach die Selbsterkenntnis. Dieser Satz ist ein Angebot, kein Gesetz. Und weiter: Wer sich selbst kennt und mit allen Schwächen respektiert, kennt die Menschen in ihrer Allgemeinheit, denn jeder ist der „Conditio Humana“ unterworfen, dem Gesetz der Polarität, der Möglichkeit, gut oder böse oder irgendwo dazwischen zu sein. Man wird niemanden mehr angreifen, kritisieren oder niedermachen müssen, wenn man sich kennt und zeigt, wie man ist. Man wird Vorschläge machen können, seine Meinung einbringen, ohne den anderen zu verdammen, Ratschläge geben, dort wo man gefragt wird. Mit einem Wort: Selbsterkenntnis führt zu Toleranz. Die Kritik kann durch Analyse ersetzt werden. Analyse wirkt sowieso viel segensreicher als Kritik. Und: Analyse lässt keine Glashäuser zu Bruch gehen, sondern führt womöglich dazu, mit Holz zu bauen, einem sehr angenehmen Material. Vielleicht könnten wir dazu den Balken im eigenen Auge benutzen.

 

KINDER ALS LEHRMEISTER IM TOD

Frage: „Aus persönlichen Gründen möchte ich Sie fragen: Wie soll ich damit fertigwerden, wenn mein Kind vor mir ging?“

Der Tod des eigenen Kindes - das ist so ziemlich das Schlimmste, was sich Eltern vorstellen können. Tritt dieser Fall ein, leiden Eltern manchmal ihr ganzes Leben lang daran. Im Normalfall - ich denke jetzt nicht an extreme Problemfamilien oder Horrorszenarien aus den Entwicklungsländern - versuchen wir alles, um das Leben unseres Kindes zu erhalten und so schön wie möglich zu gestalten. Denn gerade die Kinder, diese kleinen Aufrechten, aus deren unbedarftem Munde noch die Wahrheit der reinen Beobachtung quillt, erfüllen uns ja immer wieder mit ehrfürchtigem Staunen über die Schöpfung an sich. Wie aus dem Nichts tauchen sie auf, angezogen durch den Schöpfungsakt der Eltern. Aus ihren Augen spricht häufig schon kurz nach der Geburt eine derartige Altersweisheit, dass wir uns voller Respekt und Neugierde fragen, wie das denn möglich sein könne und woher sie denn wohl kommen. In diesem Augenblick möchten wir uns ganz sicher nicht mit der Frage beschäftigen, wohin sie denn wohl gehen, wenn sie sterben. Und nur zögernd fragen wir uns dies selber, während wir aufwachsen und älter werden und uns dem Zeitpunkt unseres eigenen Todes nähern.
Wenn ein Kind „von uns geht“, wirkt es oft wieder ganz weise, abgeklärt, geduldig. Extrem liebevoll tröstet es die Eltern, wenn die Zeit dazu bleibt, es versucht ihnen den Schmerz zu nehmen. Das Kind ist dann den sogenannten Erwachsenen häufig überlegen. Vielleicht weil es sich noch zu gut an das Reich erinnert, aus dem es in das irdische Leben geflattert kam?
Uns jedoch kommt es so vor, als sei die Spanne seines Lebens viel zu kurz gewesen, als müssten nun alle Möglichkeiten verrinnen, dieses Leben zu gestalten. Wir stellen uns vor, wie viele Glücksmomente vertan sind, wie viele Erfahrungen nicht gemacht, wie viel Liebe nicht gegeben und empfangen werden konnte. Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tode in Form des „ewigen Lebens bei Gott“ bleibt dann zwar abstrakt, ist aber immerhin ein Trost. Wir wissen dann, dass Gott sich um unser Kind kümmert, da es ja auch von dort herstammt.
Wir stellen uns diesen Gott männlich und väterlich vor, gütig, aber auch strafend. Wir stellen ihn uns deshalb in dieser Weise vor, weil wir, wenn wir Christen sind, von Kindheit an dieses Gottesbild in uns aufgenommen haben. „Lieber Gott“, beten wir. Oder wir sagen: „Herr, hilf mir.“ Im Umgang mit unserer Religion sind wir selbst oft kindlich. Wir glauben an die Geschichten aus der Bibel, von der wir natürlich inzwischen wissen, dass sich nicht alles so zugetragen hat, nicht zugetragen haben kann, wie es dort steht. Der Jahwe des Alten Testaments, der sich reichlich menschlich benahm, wegen kleiner Delikte heftig zürnen konnte oder in Eroberungsschlachten Partei ergriff, konnte unserem Bild des väterlichen Gottes nichts anhaben. Den mütterlichen Part übernahm die Jungfrau Maria. Es ist müßig sich zu fragen, ob sich unser Kind nach dem Tode vielleicht bei Maria besser fühlen würde, auf ihrem Schoße sitzend, mütterliche Wärme genießend.
Aber vielleicht verhält sich alles etwas anders. Nicht vollkommen anders, aber immerhin anders. Vielleicht geht das Kind gar nicht von uns, wenn es gestorben ist. Viele Menschen empfinden sogar besondere Nähe zu ihrem „toten“ Kind. Vielleicht geht es nicht schnurstracks zu Gott und wird dann ins Paradies weiterverwiesen. Vielleicht bleibt es als Lichtwesen in der Nähe der Eltern, tröstet sie und vermittelt ihnen eine Liebe, die auf der Erde selten gelebt wird. Vielleicht verließ es seinen Körper, um die Eltern aufzurütteln, um ihrem Leben eine neue Ausrichtung zu geben, ihnen eine Chance zu geben, ihre Lebensumstände zu verändern, wenn diese sie eingezwängt und unglücklich bleiben ließen. Vielleicht wollen Kinder, wenn sie früh sterben, den Eltern gerade dadurch ihre Liebe beweisen, dass sie ihnen zeigen: „Schaut doch, wir sind alle unsterblich, wir können sogar wiederkommen und in einen neuen Körper schlüpfen, wir können kommen und gehen, um unsere Erfahrungen zu machen. Ihr spürt ja, dass ich nicht „tot“ bin, ich bin hier, ihr könnt mich nur nicht sehen, weil ich keinen Körper mehr habe. Aber ich bin, wie alle hier um mich herum, ein Lichtwesen. Ich löse mich nicht einfach auf, nur weil ich aus der Materie herausgeschlüpft bin. Bitte macht also das Beste aus meinem scheinbaren Tod, lebt und liebt so viel und so gut ihr könnt, gebt allen Menschen die Liebe, die ihr mir geben wolltet. Und wer weiß, vielleicht komme ich wieder zu euch zurück, direkt aus dem Lichtreich zu euch, damit ihr mich wieder anfassen könnt. Ich weiß ja, dass dieser Aspekt auf der Erde wichtig ist. Oder ich komme zu euren Kindern oder Verwandten oder Freunden. Und ihr werdet mich daran erkennen, dass ihr sofort eine besondere Beziehung zu mir bekommt.“
Die Schöpfung ist ein riesengroßes Wunder! Sollte es wirklich innerhalb dieses Wunders von Vergehen und Wiederauferstehen einen Tod geben, so wie viele von uns ihn sich vorstellen, nämlich als Ende? Ich glaube es nicht. Was glauben Sie?

 

HABEN WIR UNS ENDLICH GENUG GEGRUSELT?

Dieses Jahr hat es so richtig in sich. Ja, natürlich, jedes Jahr hat es in sich. Fragt sich, was mit dem "es" gemeint ist. Unter "es" verstehen wir in diesem Zusammenhang: Ereignisse, die sich unserem Einwirkungsvermögen entziehen. "Es" ist das Unwägbare, das schwer Einzuschätzende, die Krise, die Katastrophe in Form von Krankheiten, körperlichem und/oder psychisch-seelischem Zusammenbruch, Problemen am Arbeitsplatz, Kündigungen, Streitigkeiten in der Familie oder zwischen Lebenspartnern, auffälligen, womöglich unglücklichen Kindern, Naturerscheinungen wie Stürmen, Wasserfluten, Feuersbrünsten und Kriegen. Wir haben reichlich von allem. Das "Es" scheint uns nicht nur im Freud'schen Sinne im Griff zu haben. Denn wo Freud das "Es" als den Teil in uns definiert, der triebgesteuert und unterbewusst abläuft und seine Kommandos nach den rein physiologischen Bedürfnissen ausrichtet, ist es hier im übergeordneten Sinne das "Es" des Kollektivs, unserer Gesellschaft.
Ja, wir haben unendlich viele Ängste. Es könnte alles passieren. Es könnte uns jederzeit ein Ziegelstein auf den Kopf oder ein Kran aufs Dach fallen wie jüngst Stenern demonstrierte. Das Schicksal ist sich zu nichts zu fein. Es hält all das Unheil bereit, das wir aus unseren Alpträumen oder den zahlreichen Katastrophenfilmen kennen und irgendwie auch zu lieben scheinen, weil man sich dann ja so schön gruseln kann. Im Film, nicht in der Wirklichkeit.
Daraus ergibt sich die Frage: Haben wir uns endlich genug gegruselt? Was wünschen wir uns wirklich? Wünschen wir uns Frieden, Harmonie, Glück? Oder ist uns das alles zu langweilig? In der digitalen Landschaft wird fleißig und unermüdlich geprügelt, vergewaltigt, getötet, mit Pauken und Trompeten untergegangen. Lassen wir das zu, um das Unheil zu bannen? Oder weil wir es uns insgeheim doch wünschen? Warum fasziniert uns der Untergang, vor dem wir uns doch so ängstigen?
Auch in diesem Jahr wird sich diese Frage nicht anders beantworten lassen als mit einer Entscheidung. Mit unserer persönlichen Entscheidung. Und somit zu der Entscheidung vieler Einzelwesen, die zusammengenommen das Kollektiv bilden, das man "Gesellschaft" nennt. "Die da oben auf der Chefetage" gibt es nicht wirklich, wir alle sind die Chefs, genauer: die Chefprogrammierer. Wir sind die Chefprogrammierer unseres eigenen Systems. Wenn wir Angst programmieren, dann bestehen wir aus Angst. Unser Kopf ist gefüllt mit Angstgedanken, unser Körper beginnt zu vibrieren. Wir schlottern, wir reagieren hektisch, wir sind "gestresst." Unser Herz setzt aus, wir werden erst unerträglich und dann krank. Wenn wir Neid programmieren ist unser Kopf voller Eifersuchtsgedanken. Wir legen uns auf das Opfertum fest. Alle anderen haben es besser, wir selbst sind ohnmächtig, gefangen, passiv, ungeliebt, unfähig. Unser Körper versauert, verbittert, die Organe leiden und versuchen die Steine, die in uns groß und zu denen wir letztlich selber werden, aus dem System herauszuschmeißen, bevor sie nach dem Skalpell des Chirurgen rufen.
Und was würde geschehen, wenn wir alle "Liebe" programmieren würden? Muss ich das näher ausführen? Nein, eigentlich nicht. Denn dann würde das geschehen, was Christus uns vorgelebt hat. Er hat uns doch eigentlich all die Jahre hindurch gründlich genug unterwiesen. Als da wäre: Liebe bedeutet nicht Schwäche. Sie enthält keine ängste, denn in unserer eigenen Liebe sind sowohl wir als auch alle anderen geborgen. Sie ist warm und lässt uns nicht frieren und erkalten, auch wenn die Temperaturen sinken. Sie beinhaltet das absolute Vertrauen in unseren Schöpfer, der uns so gut ausgestattet hat, dass wir nicht nur unseren eigenen Fortbestand sichern können (dies durch Kopplung von Herz und Verstand, gemeinhin bezeichnet als "gesunder Menschenverstand"), sondern auch glücklich sein dürfen. Wir dürfen unser Leben genießen und gestalten. Und erst wenn wir dieses Leben nicht mehr angstvoll vordenken und vorfühlen und somit auf das Unheil festlegen, sondern uns in unserer Liebe sicher wähnen, können wir eine andere Gesellschaft erschaffen. Wenn wir uns in unserem Körper lieben und endlich aufhören an uns herumzumäkeln und unsere Frustration ersatzweise an anderen ablassen, werden wir automatisch auch die Erde und deren Bewohner besser lieben können. Warum die Katastrophen beschwören und nicht die Harmonie, den Frieden? Warum nicht zur Abwechslung mal eine Dauergänsehaut, weil alles so schön ist, so wunderbar erschaffen, so warm und liebevoll, so kreativ. Diese Erde und ihre Bewohner, also wir - wir sind ein einziges Wunder, über das man sich von morgens bis abends freuen kann. Ich behaupte, dass, wenn es uns allen gelänge, so über uns und unseren Planeten zu denken, dieses Jahresende "es" so richtig in sich hätte. Ich würde diese Art des "Es" dann als "Liebe" definieren. Dann würde es heißen: Dieses Jahr hat die Liebe so richtig in sich. Passend zum Weihnachtsfest.

 

WIE LANGWEILEN WIR UNS NICHT IN DER SCHULE?

Frage: „Liebe Frau Oehmen, unser Sohn kommt in der Schule nicht klar. Wie können wir ihm helfen? Er ist nicht dumm, aber er langweilt sich. Und dann macht er Unsinn und stört die anderen. Und dann wird er bestraft. Es geht ja auch nicht, dass er stört, aber was sollen wir tun?“


Antwort: Ohne die Sachlage im Einzelnen zu kennen, nehme ich hier mal eine bestimmte Perspektive ein, und zwar die halb-komische. Eine der vielen möglichen Perspektiven. Also: Das Problem nicht klarzukommen haben viele von uns. Es geht ja schon ziemlich früh los mit dem „sich Langweilen“ und „nicht Klarkommen.“ Zum Beispiel: Wenn wir es endlich geschafft haben uns durch den schmalen Geburtsgang zu quetschen und das blendende Neonlicht des Kreißsaales zu erblicken, werden wir geschlagen, damit wir schreien. Unser erstes Lebenszeichen basiert also schon auf Protest. Und dann müssen wir um alles betteln, keiner bekommt mit, wann wir Hunger bzw. Durst oder andere Bedürfnisse haben, nein, immer müssen wir erst „losbrüllen“, um unsere elementaren Bedürfnisse „gestillt“ zu bekommen. Wenn wir schlafen wollen, will es der Rest der Welt nicht, wenn wir schlafen sollen, sind wir nicht müde. Beginnen wir, unser Umfeld tatkräftig zu erobern, krabbeln hierhin und dorthin, um Gegenstände auf ihre Beschaffenheit hin zu untersuchen, auseinanderzunehmen, runterzuschmeißen, um zu hören, ob sie ein Geräusch machen oder vielleicht sogar kaputtgehen und in tausend faszinierende Kleinteile zerstieben, die dann wieder untersucht werden wollen - dann werden wir zurückgehalten, belehrt, wenn man die Geduld mit uns aufbringt, und beschimpft wenn nicht. Wir werden gefesselt und geknebelt durch Gurte und Schnuller, wir sollen hierhin und dorthin laufen und das ergreifen, was uns garantiert nicht interessiert und genau das loslassen, was wir fassen und halten wollen. Knebeln tut man uns, damit wir nicht schreien und zu viele Fragen stellen. „Du fragst mir noch Löcher in den Bauch!“, wirft man uns vor und stößt uns in den Abgrund nächtlicher Albträume. Das, was wir nämlich auf keinen Fall wollen ist Mutter oder Vater zu perforieren, denn Löcher im Bauch lassen leerlaufen und das kindliche Gemüt weiß sehr wohl, dass eine leergelaufene Person nicht viel Leben bis gar keins mehr in sich hat. Alles in allem also: ein schlechter Start für Erfinder, Wissenschaftler, Welteneroberer und... Schüler.
Später nämlich verwandeln wir uns unentrinnbar in eben diese Schüler. Für Schüler gelten andere Gesetze: Sie sollen sich interessieren. Nicht für das Interessante, sondern für das, was man (jemand, wer eigentlich?) für interessant hält. Und sie sollen fragen. Natürlich nur das, was zum Unterrichtsstoff und Curriculum passt. Sie sollen protestieren, aber im geeigneten Rahmen der Textanalysen. Sie sollen sich bewegen, aber nur innerlich, denn sonst bricht das Chaos aus.
Letztlich ist uns allen klar, dass wir eine Schule brauchen, die vor allem das berücksichtigt, was wir im Kleinkindalter beweisen: Wir wollen lernen. Wir alle wollen von Anfang an lernen. Keiner muss uns dazu zwingen. Wir sind an der Quelle oder besser: Wir sind die Quelle, aus der wir schöpfen können. Die Frage ist also: wie unterstützen wir unsere naturgegebene Neugierde und Entdeckerlust, damit wir uns als Schulkinder eben nicht langweilen? Wie halten wir unser Interesse wach? Wie erhalten wir Frische, Originalität, Unkonventionalität? Als Schüler und als Lehrer. Denn wenn sich die Lehrer mit ihrem Lehrstoff langweilen, werden es die Schüler auch tun. Nur wenn die Lehrer selbst Entdecker geblieben sind und die Lust am Lernen vorführen (dürfen), wenn sie sich praktisch an der Lernlust des Kindes orientieren, das sie selbst gewesen sind, wird Schule ein Ort der Lebenslust werden. Maria Montessoris „Hilf mir, es selbst zu tun“ war ein unglaublich wichtiger Schritt in der Pädagogik. Es gibt mittlerweile viele kreative Einzelinitiativen, die zum Beispiel die Vernetzung der Fächer untereinander schon praktizieren. Die Schulpolitik scheint aber noch völlig überfordert zu sein und erstickt die Kraft der Schulleiter durch unzählige Verordnungen und Weisungen. Obwohl die Politiker das Thema „Schule“ in seiner Brisanz also seltsamerweise immer wieder verkennen und Raum geben für ein beispielloses Geflicke und Herumprobieren, wird sich Schule in den nächsten Jahrzehnten grundlegend ändern. Das ist vielleicht kein großer Trost für Ihren Sohn, aber für dessen Kinder sieht alles bestimmt schon ganz anders aus. Ich hoffe es. Für Sie, ihn und uns alle. Und was Sie ganz persönlich machen können ist: Rücksprache und Lösungssuche zusammen mit den Lehrern, denen Ihr Sohn sicher am Herzen liegt.

 

KRIMI UND SPIRITUALITäT

Ich habe mir in den letzten Jahren die Frage gestellt: Warum interessieren sich die Menschen in einem so großen Ausmaß für die Kriminalliteratur? Sie hat sich derartig vermehrt, dass sie die Regale füllt und in den Buchhandlungen ganz weit vorn am Eingang platziert wird. Es existieren inzwischen Krimis aus nahezu allen Ländern, er ist literarisch aufgewertet und als gesellschaftlicher Spiegel akzeptiert.
Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es einen Grund dafür gibt, einen sehr aufschlussreichen und durchaus positiv zu bewertenden Grund. Sie haben sich vielleicht über den Titel meines Vortrags gewundert: „Krimi und Spiritualität“ und sich gefragt, wie das wohl zusammenhängen könne. Gibt es überhaupt einen Zusammenhang? Häufig werde ich so angesprochen: „Frau Oehmen, wie können Sie, da Sie doch so spirituell sind, sich überhaupt für ein Genre interessieren, in dem es vorwiegend um Mord und Totschlag geht? Wie passt das zusammen?“ Ich kann nur antworten: es passt hervorragend, denn: im Krimi geht es eigentlich um Seelenlandschaften. Krimis spiegeln den Zustand unserer Gesellschaft, sie arbeiten unsere Art der Kommunikation heraus, die Kommunikation mit uns selber und diejenige, die für das Außen bestimmt ist. Der Kommissar hat jeweils die Aufgabe klarzustellen, ob die innere Wahrnehmung mit der äußeren übereinstimmt. Hat also der, der behauptet, die Tat nicht begangen zu haben, die Tat wirklich nicht begangen oder lügt er?
Und damit sind wir schon mittendrin in der Untersuchung, was Krimis mit Spiritualität gemein haben. Es geht also zum einen darum zu untersuchen, ob das, was außen ist dem Innen entspricht, ob das, was gesagt und getan wird auch dem entspricht, was gefühlt und gedacht wurde. Hier eine übereinstimmung zu erreichen ist Ziel der spirituellen Entwicklung. Einfacher ausgedrückt: Wenn man mich nach meiner Meinung fragt, sage ich dann das, was ich wirklich zu dem Thema zu sagen habe oder sage ich etwas, was ich nicht so meine, um nicht unangenehm aufzufallen, vor allem, wenn ich spüre, dass mein Umfeld eine klar umrissene Meinung zu dem Thema hat? Gleiche ich meine Meinung also an aus dem Bestreben, anerkannt zu sein oder nicht abgelehnt zu werden? Oder bin ich schon soweit, zu meiner Meinung zu stehen, also nicht ‚umzufallen’? Ist mein ‚Ja’ ein echtes ‚Ja’ oder sage ich nur ‚Ja’, weil ich Angst davor habe ‚nein’ zu sagen?
Der Kriminalkommissar und seine Mannschaft haben es ständig mit Lügen zu tun. Menschen werden vernommen, nach ihren Beobachtungen gefragt, beschuldigt, in der Hoffnung, klare Antworten zu bekommen. Doch das, was dabei herauskommt, ist häufig Lüge.
Diese Lügen muss man wiederum unterteilen in die Lügen, die eine Tatbeteiligung verhüllen sollen, also dem Zweck dienen, die Verantwortung für das, was getan wurde, nicht zu übernehmen. Oder es handelt sich um Lügen, in denen sich der Mensch schon längst vor der Tat verfangen hatte, Lügen, die seinen verzweifelten Zustand verstecken sollen, vor den anderen und vor sich selber. Der Kommissar muss unterscheiden zwischen dem einen und dem anderen, er muss sortieren nach Lebenslüge und Tatleugnung. Bei den Ermittlungen treten Zustände zutage, die sorgsam hinter der ‚schönen’ Fassade verborgen wurden und vielleicht gar nichts oder aber alles mit der unmittelbaren Tat zu tun haben.
In jedem Falle beinhaltet eine Mordermittlung immer die Klärung der Umstände, die zur Tat führten. Die familiären und gesellschaftlichen Verflechtungen, in denen sich Verzweiflung, Angst und Wut so verdichten, dass es zur Explosion, also in diesem Falle zur Straftat kommt, werden so lange untersucht, bis die Struktur klar zu Tage tritt. Dann wird der Täter zur Rechenschaft gezogen und seiner Strafe zugeführt. Entweder hat er gestanden oder er wird überführt. Ersteres wird ihn schneller in die Heilung bringen als letzteres, denn das Geständnis kann auf den Weg der Reue führen, die Leugnung bis zuletzt verhindert die Selbsterkenntnis.
Sehen wir es einmal so: Der Mensch an sich strebt zum Licht. Auch wenn er die Freiheit hat, sich für Gut oder Böse zu entscheiden, tendiert er im Allgemeinen dazu, sich für das Licht zu entscheiden. Er will gut sein, kann es aber nicht immer. Denn da türmen sich häufig genug Schwierigkeiten vor ihm auf. Er wächst zum Beispiel in einer Familie auf, in der emotionale Gleichgültigkeit herrscht. Mutter und Vater haben ihre Gründe, warum sie ihre Herzen verschlossen haben, sich miteinander oder mit dem gesamten Umfeld zu streiten, Wut wird vorgelebt, das Kind wird nicht gesehen oder als Verfügungsmasse missbraucht. Der Mensch, der ohne Liebe aufwächst, tendiert dazu, auch keine Liebe geben zu können, weil er auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen sein Herz immer mehr schützt vor den Verletzungen, die in der Familie zugefügt werden. Zudem schlägt das Gesetz der Prägung zu. Mutter und Vater sind für das Kleinkind Königin und König, was sie sagen, wie sie sich verhalten, ist Gesetz, das Kind geht davon aus, dass die Welt so und nicht anders funktioniert, wie die Eltern es vorleben. Zudem meint es, alle Frauen seien so wie die Mutter und alle Männer so wie der Vater. Das Kleinkind ahmt das Verhalten der beiden so gewissenhaft wie möglich nach, denn es gilt nicht nur, einen Platz im Familiengeflecht zu erobern, sondern auch, irgendwie an Liebe zu gelangen, soweit das machbar ist.
Nun kommen wir zum Hauptproblem: Essen und Trinken wird normalerweise zur Verfügung gestellt, Liebe hingegen nicht unbedingt. Das bedeutet nicht, dass viele Eltern gefühllos sind, sondern dass sie sich von ihren Problemen derart überwältigen lassen, dass ihre Aufmerksamkeit sich vorwiegend um diese dreht und die Liebe auf der Strecke bleibt, ohne dass es registriert wird. Denn die meisten Eltern wollen ihre Kinder so gut wie möglich lieben. Aber tun sie es auch? Reicht es zu sagen: „Natürlich liebe ich meine Kinder?“ Oder sollte man es auch so fühlen und so weitergeben, dass die Kinder es spüren? Und wann spüren es die Kinder? Wenn wir Emotionen zeigen, und zwar noch genauer: Wenn sie spüren, dass sie eingehüllt sind in unsere Wärme, sich bei uns einkuscheln können, wenn diese Liebe bedingungslos ist und einzig ihren Grund in der Liebe an sich hat. Nichts muss das Kind dafür tun, einfach nur da sein.
Wann können wir diese Art von Liebe geben? Wenn wir mit uns im Reinen sind, wenn wir uns selber lieben, wenn wir einverstanden sind mit uns und unserem Dasein und uns nicht pausenlos fragen, was wir hier eigentlich machen. Wenn wir positiv mit den Ereignissen umgehen und uns nicht von ihnen dominieren lassen. Wenn wir lieben, was wir tun. Wenn wir unsere Fähigkeiten anerkennen und uns nicht in Grund und Boden kritisieren.
Unsere Kinder spüren, ob wir uns mögen oder nicht. Und wenn wir uns nicht mögen, werden sie es uns auf ihre spezielle Art und Weise verdeutlichen. Die einen greifen u. a. zum Machtmittel ADHS und ‚nerven’ solange, bis die Eltern aus Verzweiflung ins Handeln kommen. Wobei sie leider meistens fragen: „Was ist verkehrt mit meinem Kind?“ statt zu forschen: „Was ist los mit mir? Inwieweit spiegelt das Kind meinen inneren Zustand?“ Die anderen ziehen sich zurück und ahmen das „Sich-Nicht-Lieben“ nach, oft zur Verzweiflung der Eltern, die doch wollen, dass es wenigstens ihren Kindern besser geht als ihnen.
Die Sehnsucht nach Klarheit über unsere innere Struktur, die Suche nach dem Weg aus unseren Problemen hinein in die Lösung, genauer die ‚Loslösung’ aus alten Mustern, in denen aus Versehen nicht geliebt wurde, wo also nicht genau genug hingesehen wurde – diese Sehnsucht wird verdeutlicht durch den Kriminalroman.
Man könnte also die große Vorliebe der Menschen für Krimis als Sehnsucht nach Katharsis, Läuterung interpretieren. Die meisten haben dieses Urbild von sich, das Bild der Reinheit, Unbeschwertheit, des Zustandes voller Vertrauen und Zuversicht, aus dem heraus sie aus diesem oder jenem Grunde, bewusst oder unbewusst, freiwillig oder unfreiwillig herausgewachsen oder -gerissen wurden. Der Sündenfall, im Krimi das Verbrechen, wird als inwendig begriffen und korrespondiert mit dem alten Postulat der „Erbsünde“ der Kirche, in welchem dargestellt wird, dass der Mensch durch den Sündenfall Adams und Evas unrein geworden ist. Der Verlust der inneren Reinheit wird sehr subjektiv empfunden, wobei das Gewissen häufig den Maßstab der Beurteilung bildet.
Das Gewissen unterscheidet an sich sehr genau in Gut und Böse, wobei es in engem Kontakt zu Herz und Verstand stehen sollte. Die Gewissensfunktion wird allerdings allzu häufig beeinflusst durch gesellschaftliche Regeln, einem „Das tut man nicht“ oder „Was sollen die Nachbarn sagen?“ oder „Jene Schrift schreibt vor, dass dieses Verhalten sündig sei“ oder „Diese Aussage ist politisch unkorrekt“. Deshalb können Verhaltensweisen als sündig empfunden werden, die es objektiv gesehen gar nicht sind. Und trotzdem spielt das Gewissen beim Heilssuchen eine herausragende Rolle. Im Krimi ist es oft das schlechte Gewissen, das den Täter dazu treibt, sich zu stellen oder Fehler zu begehen, damit er endlich gefangen und zur Rechenschaft gezogen werden möge.
Was geschieht nun beim oder besser im Leser oder Fernsehzuschauer, der Sündenfall, Untersuchung und Auflösung mit nimmermüder Aufmerksamkeit verfolgt? Neben dem spielerischen, sehr kindlichen Element des: „Wer war es? Bekomme ich es heraus?“ und „Bekomme ich es schneller heraus als die anderen?“ geht er seinem Bedürfnis nach Erlösung und Reinigung nach, ohne den Prozess bei sich selbst vollziehen zu müssen. Häufig identifiziert er sich, allerdings vorwiegend mit dem Ermittler, weniger mit dem Täter, obwohl er die Motive des Täters hier und da nachempfinden kann. Sich mit dem Kommissar eins zu fühlen heißt: sich auf sicherem Terrain bewegen. Die Domäne des Verstandes verspricht Klarheit, überblick, logische Vorgänge. Der Täter hingegen vertritt das emotionale Element, das Unberechenbare, denjenigen, der ausrastet, seiner Sinne nicht mehr mächtig ist. Das Element also, das in jedem Menschen schlummert, weil der Schöpfer es so vorgesehen hat.
Damit kommen wir zum Schöpfungsrätsel, das im Krimi regelmäßig vorgeführt wird. Der Mensch besteht aus Gut und Böse. Er muss sich immer wieder neu entscheiden. Sagt er die Wahrheit oder lügt er, weil es weniger Umstände macht? Schlägt er zu oder nicht? Nimmt er das Bestechungsgeld oder lässt er es bleiben? Schadet er jemandem durch üble Nachrede oder stellt er Sachverhalte gerecht und ausgewogen dar? Im Krimi gerät das Dunkle in den Vordergrund, der Schatten, der sonst schamhaft verborgen wird, wird ans Licht gezerrt, der Vorhang weggezogen. Aber nur stellvertretend. Denn wir, die wir vor dem Bildschirm sitzen oder das Buch in der Hand halten, müssen nicht aktiv werden. Wir müssen weder morden noch ermitteln noch uns verstecken noch ins Gefängnis gehen. All das wird für uns erledigt, und zwar verteilt auf verschiedene Personen. Die Erleichterung oder Genugtuung, die uns kurz erfüllt, wenn der Fall geklärt ist, hängt nur bedingt mit dem Vergnügen zusammen, das Rätsel selber gelöst zu haben oder von der Auflösung überrascht worden zu sein. Es ist vorwiegend auch das Gefühl, alles wieder unter Kontrolle zu haben, zumindest bis zum nächsten Mal.
Das Problem sind die ungelösten Fälle, die ein jeder mit sich herumschleppt. Wer geht denn schon den nächsten Schritt und fragt sich: „Und was ist mit mir? Bin ich aufrichtig? Verhalte ich mich so, dass ich es jederzeit jedem offenbaren könnte?“ Die Antwort ist nein, wir stellen uns diese Fragen nicht. Das reine Beschäftigen mit dem Genre Kriminalroman bringt uns der eigenen Erlösung nicht näher. Der Krimi fordert dies ja auch nicht. Er stellt nur dar. Doch die Häufigkeit des Dargestellten weist den Menschen auf sich selber hin. „In welcher Gesellschaft leben wir denn?“, können wir fragen: „Mord und Totschlag, Betrug und Hinterlist – was ist geschehen? Was geschieht? Genauer: Was geschieht mit uns? Und noch genauer. Was lassen wir zu? Denn wir sind doch die Gesellschaft. Jeder einzelne von uns ist ein Teil davon. Wir merken es nur nicht, weil die Handlungsweise eines Einzelnen kein Erdbeben hervorruft. Wobei die Einsicht ja besteht, dass, wenn sich viele Einzelwesen der Gesellschaft zusammenschließen, um ein Ziel zu erreichen, dies durchaus funktioniert.
Wenn wir also wollen, dass unsere Gesellschaft friedlicher, kooperativer, liebevoller wird, könnten wir unsere Schlüsse aus dem Konsum der Krimis ziehen und uns selber einer kriminalistischen Untersuchung unterziehen. Wobei sich ein neuer, interessanter Aspekt ergibt. Wer kennt nicht den Ausdruck: „Leichen im Keller haben?“ Was damit gemeint ist, ist klar: Jemand hat etwas zu verbergen, er hat Unrecht getan, tut aber nach Außen so, als sei nichts geschehen. „Wer hat denn keine Leichen im Keller?“ wird oft zynisch gefragt, und damit meint man eben nicht menschliche Kadaver, sondern im übertragenen Sinne Unrechtstaten, Handlungen, die im Widerspruch zur Liebe, zum Gewissen stehen. Der Keller steht für das Unbewusste, die Räume, die man nicht betritt und wenn man sich doch traut: in denen es dunkel ist, über die man keine Kontrolle hat.
Nehmen wir also diesen Ausspruch als Leitfaden für unsere kriminalistische Selbstbetrachtung und inszenieren einen inneren Krimi, in dem alle Beteiligten Aspekte unserer Persönlichkeit darstellen. Dabei wird vorausgesetzt, dass wir unseren Fall wirklich klären wollen, dass wir also an Einsichten in unsere Psyche interessiert sind mit dem Ziel, Ergebnisse zu bekommen und sie vielleicht sogar umzusetzen!
Bevor wir dies tun, möchte ich durch einen kurzen Abstecher ins Reich der Märchen demonstrieren, wie man verfahren kann. Die Suche nach Läuterung ist ja ganz alt, sie begleitet den Menschen auf seinem langen Weg durch die Jahrhunderte. Wir finden diese Suche exemplarisch im Märchen. Auch hier haben wir einen anfänglichen Missstand: eine böse Hexe, einen Zauberer oder Drachen, der das Land in Schrecken hält. Dieser Missstand steht symbolisch für Herzenskälte. Der Befreier muss her.
Im Märchen ist der Befreier kein Kommissar, sondern ein Königssohn, der jüngste von drei Bauernburschen oder ein verstoßenes, armes, scheinbar unscheinbares Mädchen. Schauen wir uns doch einmal das Märchen von Frau Holle an und schlüsseln die Figuren auf. Kurz zum Inhalt:
Ein Mädchen wird von ihrer Stiefmutter gegenüber deren leiblicher Tochter immer zurückgesetzt. Schließlich zwingt die Stiefmutter es in einen Brunnen zu springen, um eine verlorene Spindel zu finden. Es trifft in der Brunnenwelt, die sich gleichzeitig aber auch über den Wolken befindet, auf mehrere Bewährungsprüfungen. So will ein reifer Apfelbaum geschüttelt und ein fertiges Brot vor dem Verbrennen im Ofen gerettet werden. Das Mädchen kommt den Hilferufen ganz selbstverständlich nach. Zuletzt trifft es auf Frau Holle, eine „alte Frau“, die „lange Zähne hatte“. Es tritt in ihre Dienste und hat nunmehr vor allem ihre Betten auszuschütteln, worauf es dann auf der Erde schneit. Nach einiger Zeit bittet das Mädchen um seinen Abschied, wird mit einem Regen von Gold überreichlich überschüttet und kehrt nach Hause zurück, begrüßt vom Hahnenschrei: „Kikeriki! Unsere goldene Jungfrau ist wieder hie!“ Ihre hässliche und faule Stiefschwester nimmt daraufhin den gleichen Weg, versagt bei den Prüfungen und versieht auch ihren Dienst erwartungsgemäß ungenügend, wird daher von Frau Holle entlassen und mit einem lebenslang an ihr haftenden Pechregen bestraft.
Wir schlüsseln auf:
Die böse Witwe: ich bin verwitwet, das heißt, aus meiner Einheit gefallen. Mein männlicher Persönlichkeitsaspekt - zum Beispiel Klarheit, Durchsetzungskraft und moralische Integrität - sind abhanden gekommen, sprich gestorben.
Ihre ‚böse’ leibliche Tochter: meine dunklen Seiten.
Ihre ‚gute’ Stieftochter: meine hellen, schönen Seiten, die ich nicht annehme und als nicht zu mir gehörig ansehe – ich fühle mich minderwertig und lasse mich unterdrücken.
Die blutige Spindel: meine Lebenserfahrung, die mir großen Schmerz bereitet und mir immer wieder vor Augen führt, dass ich nicht glücklich bin.
Der Brunnen: mein unterbewusster, verdrängter Teil.
Die gute Tochter springt in den Brunnen: Ich wage mich in mein inneres Dunkel.
Das Brot: die Nahrung, die uns mit der Erde verbindet, unsere Körperlichkeit.
Die äpfel: Zugang zu unserer Ganzheit, die äpfel der Erkenntnis, die Verbindung zu unserer höheren Weisheit.
Frau Holle: Urmutter, Gefühls- und Instinktanteile (sie hat große Zähne), Verbindung zur Erde und zu unserer Mütterlichkeit.
1) Brot aus dem Ofen holen, 2) äpfel ernten, 3) Frau Holle dienen: 1) ich nehme meine Körperlichkeit und 2) mein inneres Wissen an und stelle sie 3) in den Dienst meines Herzens.
Fliegende Federn-Schnee: Verbindung zum Spirituellen, unsere natürliche Leichtigkeit.
Der Goldregen: Verwirklichung der inneren Wahrheit nach außen hin, ich stehe wieder zu mir als heller, geistiger Wesenheit, zu meiner Liebe und meinem Licht. Ich habe Körper, Seele und Geist in Harmonie vereint. Das vermeintliche Dunkel in mir hat mir mein Licht offenbart.
Das Brot verbrennen und die äpfel verfaulen lassen; Frau Holle schlecht dienen; der Pechregen: nehme ich all dies nicht an und strebe nicht nach Erkenntnis, so koppele ich mich von meiner inneren Wahrheit ab. Ich bekomme keinen Zugang zu meinen Anteilen, ich nutze sie nicht und lasse sie stattdessen verderben. Ich bleibe so lange in der Dunkelheit, in meinem persönlichen Unglücklichsein, wie ich es entscheide.
Krimi und Märchen sind also Gattungen, die vieles gemein haben, das Gruseln vor dem Abgrund gleichermaßen wie die Freude über die Rettung. Sie beide repräsentieren uns in unserer Ganzheit, mit den Licht- und Schattenseiten unserer menschlichen Existenz. Und mit dem immer neuen Willen, uns wiederzufinden!
Kehren wir nun also wieder zum Krimi zurück. Fakt ist: Wir haben eine Leiche im Keller. Oder sagen wir: Die Leiche liegt im Wald, denn auch der Wald steht für Verirrung und Wirrnis, weswegen er in Kriminalromanen häufig Verwendung findet. Die Leiche ist gefunden worden, vielleicht ‚zufällig’ durch einen Spaziergänger oder besser Jogger. Dieser Jogger repräsentiert unsere Gedanken. Manche Menschen denken zu wenig, die meisten jedoch zu viel! Die Gedanken rattern im Kopf wie Lokomotivräder und halten selten lange genug an einem Bahnhof, wo Stille einkehren könnte. Die Gedanken drehen sich um Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges. Das Gehirn tastet ununterbrochen unsere eigenen Verhaltensweisen oder die unserer Mitmenschen ab, dokumentiert, kommentiert, verwirft, nimmt sich vor, lehnt ab, kritisiert, vernetzt.
Dabei werden immer wieder Gebiete gestreift, die man eigentlich vermeiden wollte: Schmerzpunkte, emotionale Verletzungen, vermeintliches oder „echtes“ Fehlverhalten und immer auch Bedauern oder Verzweiflung darüber, etwas unterlassen, Pläne nicht verwirklicht zu haben. Wir werden immer wieder mit Dingen konfrontiert, die wir verdrängen wollen, etwa der Frage:
„Was lebe ich nicht - welche schöne Eigenschaft, welche Fähigkeit? Ist es vielleicht meine Zartheit, die ich der harten Umwelt geopfert und in Härte umgewandelt habe? Ist es meine Sehnsucht, diese oder jene Tätigkeit auszuüben? Meine Leichtigkeit und Lust zu lachen?
Oder habe ich die Liebe meines Lebens gehen lassen und daraufhin mein Herz, meine Liebesfähigkeit abgetötet?“ Natürlich gibt es auch Fragen, wie: „Warum habe ich gelogen? Warum habe ich dem Menschen dieses oder jenes angetan? Warum habe ich eine so große Härte gezeigt?“
Die Frage in jedem Mordfall lautet: Wer wurde getötet? Und wer hat es getan? Sagen wir also: Die Leiche ist meine Lebensfreude. Es hätte auch meine Wahrheit sein können oder meine Unbescholtenheit, meine Unbestechlichkeit und vieles mehr. Manche haben natürlich eine wirkliche Leiche im Keller, aber ich gehe davon aus, dass keiner von ihnen jetzt unter uns weilt.
Also: Die Lebensfreude ist ermordet worden. Wer ermittelt? Der Kommissar. Wer in uns wird diese Rolle besser übernehmen können als unser Verstand? Der Verstand klärt, sondert und strukturiert, er empfindet ein großes Vergnügen daran, Ordnung in das Chaos zu bringen. Der Jogger, der jeden Morgen an der gleichen Stelle vorbeigelaufen ist, repräsentiert, wie wir grade beschlossen haben, den lästigen, immer wiederkehrenden Gedanken: „Die Lebensfreude ist tot!“ Was im Klartext bedeutet: Ich lebe nicht mehr gern; früher gelang mir dies spielend, aber jetzt ist alles tot in mir.
Der Jogger rennt also zum Kommissar, übersetzt: der Gedanke macht sich bei unserem Verstand bemerkbar und gibt die Straftat zu Protokoll. Der Kommissar setzt den Gedanken erst einmal auf einen Stuhl im Verhörzimmer und beginnt zu fragen: „Sagen Sie, wie war die Lebensfreude ursprünglich beschaffen? Welche Freunde hatte sie? Wer hat sie zuletzt gesehen? Oder war sie isoliert? Seit wann? Wer war dafür verantwortlich? Was wissen Sie von ihr? Wie hat sie sich geäußert?“
Der Jogger zieht sich aus der Affäre und behauptet, gar nichts zu wissen, rein zufällig vorbeigekommen zu sein und nur auf die Leiche aufmerksam geworden zu sein, weil er zu genau hingeschaut habe. Das sei sonst gar nicht seine Art, eigentlich sei er es gewöhnt, wegzusehen und schnell etwas anderes vorzuschieben, wenn irgendetwas Auffälliges herumliege, denn damit bekomme man letztendlich immer nur ärger.
Hier haben wir es also mit unseren üblichen Ausweichmanövern zu tun. Meistens wissen wir nämlich schon sehr lange, dass etwas nicht stimmt, aber wir kennen ja den wundersamen Mechanismus des Verdrängens. Wir lassen die Kellertür zu und wenn sie anfängt zu rappeln, dann drehen wir den Schlüssel einfach ein paar Mal mehr um.
Der Kommissar entlässt den Jogger, denn der hat den Mord offensichtlich nicht begangen. Er hat ihn, wenn auch unfreiwillig, aufgedeckt, immerhin. Nun beginnen die genauen Nachforschungen: Wer war beteiligt, wie hat alles angefangen?
Im übertragenen Sinne fragen wir uns also: „Warum habe ich meine Lebensfreude verloren?“ Eine gute Frage. Der Kommissar in uns nimmt hierzu alle möglichen Personen des Umfeldes aufs Korn. Diese Personen repräsentieren unsere verschiedenen Aspekte: Der Vater steht für das männlich zupackende Element in uns, das Verantwortungsgefühl, das Prinzip und seine Befolgung. Dieses Vaterelement gibt zu Protokoll: „Ich gehe jeden Tag zur Arbeit und erfülle meine Pflicht. Ich verdiene das Geld. Und dann komme ich abends nach Hause, hol mir mein Bier, lege die Beine hoch und schaue fern. Jeden Abend.“ (Es kann sich dabei auch um Putzen, Waschen, Einkaufen handeln.) Dieser Aspekt repräsentiert also unseren Hang zur Routine. Die liebe Gewohnheit, die ihre Befriedigung aus der Wiederholung zieht, weil das Gewohnte vorhersehbar ist, keine unliebsamen überraschungen birgt. Das Gewohnte ist allerdings, da die Lebensfreude ja tot ist, zum Verwohnten geworden. Wir sind verwöhnt von der Gleichmäßigkeit, und das Verwöhnen hat uns selten gedient, sondern immer eher geschadet.
Doch das Gewohnte ist Frucht der Prägung. So, wie wir das Leben unserer Eltern erlebt haben, so wollen wir unbewusst auch leben. Wir schaffen uns die dafür geeigneten Umstände und richten uns in ihnen so ein, wie wir es von früher her kennen. Und obwohl wir diese Umstände vielleicht gar nicht wollen oder sogar ablehnen, verschaffen sie uns doch ein Mindestmaß an Befriedigung, nämlich das unreflektierte Kindergefühl: „Ja, das kenn ich. So haben es meine Eltern auch gemacht.“
Das Mutterelement in uns, Weichheit und Wärme, das Trost spendende Element, sagt aus: „Ich kann ja doch nichts dagegen tun, es ist immer so gewesen. Was soll ich sagen? Es hört keiner auf mich. Ich bin sowieso das Letzte hier in dieser Familie. Ich mach und tu und wer gibt mir was zurück? Keiner! Das hab ich mir jetzt gemerkt und darum gebe ich auch nichts mehr. Schluss, aus!“ Sie steht also für unsere Resignation, ein Sich-Ergeben in eine Realität, die als nicht beeinflussbar wahrgenommen wird. Sie steht für unsere gefühlte Kraftlosigkeit, das Nicht-Wahrnehmen unserer wahren Macht.
Oma und Opa, sprich: unsere Lebenserfahrung, kommentieren, so sei es in den Familien immer zugegangen und sie hätten immer nur das Beste gewollt. Außerdem sei für die Lebensfreude nie wirklich Platz da gewesen. Stattdessen für Pflichterfüllung, Leid als Weg der Läuterung, gesunde Härte statt Verweichlichung. Man habe eben nicht mehr verdient im Leben. Das Leben sei hart und da müsse man eben durch. Selbstverwirklichung? Der pure Luxus! Aber wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten sie schon gewollt, dass es ihren Kindern einmal besser erginge als ihnen.
Das bedeutet: Wir begnügen uns mit der Wiederholung dessen, was immer schon gelebt, gesagt und getan wurde, obwohl es uns erfahrungsgemäß nicht glücklich macht. Wir haben uns in unserem Un-Glück eingerichtet, wobei ich mit Unglück nicht Pech meine, sondern das Gegenteil von Glück, eine Stumpfheit der Wahrnehmung, in der wir das Schöne nicht mehr so fühlen können, wie wir es eigentlich wollen, aber keine Möglichkeit mehr sehen, diesen Tatbestand zu ändern.
Die Vernehmung geht weiter: Die Nachbarn und Bekannten, sprich unsere Beobachtungsgabe sagen: „Diese Frau/dieser Mann wirkte immer so exemplarisch, so perfekt. Also, dass sie oder er zu so etwas fähig war! Dabei: gedacht haben wir es uns schon die ganze Zeit. Wir haben uns nur nie getraut, etwas zu sagen, denn wenn wir Andeutungen machten, wollte man mit uns nichts mehr zu schaffen haben und nahm keinen Kontakt mehr mit uns auf.“ übersetzt: Wir trauen unseren Sinnen nicht, obwohl sie den Notstand schon längst gemeldet haben!
Im Krimi strebt nun alles unaufhaltsam der Lösung zu. Die Fassaden sind gebröckelt, dahinter sieht man, dass das, was gesagt, nicht gelebt wurde. Der Täterkreis verengt sich. Doch gleichzeitig wird klar: Alle Aspekte in mir sind irgendwie beteiligt, verstrickt, nichts steht isoliert. Die Antwort ergibt sich aus der Vernetzung. Irgendwo muss noch der ausfindig gemacht werden, der das Sagen hat, der Chef des Systems. Wer ist der Chef des Systems?
Und jetzt kommt’s. Der Chef: das bin ICH. Der Bewohner des Körpers, das Wesen, das ihn sich bewegen lässt. Die Zentrale, die alle Aspekte steuert, der Auftraggeber, derjenige, ohne den es MICH nicht gäbe. Der, der sich vielleicht korrumpieren ließ. Dem man mit Versprechungen den Mund wässrig gemacht hatte. Dem man gesagt hatte: „Wenn du deine Lebenslust opferst, gebe ich dir vielleicht ein kleines bisschen Liebe. Wenn nicht, landest du in der Gosse und keiner wird dich mehr wahrnehmen. Töte Deine Lebensfreude! Tu’s jetzt. So bald wie möglich! Du wirst schon davonkommen. Andere vor dir haben es auch schon gemacht und sind nicht erwischt worden. Die sind nämlich vorher gestorben!“
Es ist ja so: In den seltensten Fällen wird man zum Mord gezwungen. Man hat die Wahl, es zu tun oder zu lassen. Man kann auch sagen: „Ich töte nicht, ich lasse leben und löse meine Schwierigkeiten anders. Ich schaue aus nach Möglichkeiten und lasse mich dabei nicht unterkriegen. Es muss eine Lösung geben!“
Doch der Mord wurde begangen, und zwar von mir, dem Chef des Systems. Der Kommissar legt die Ergebnisse seiner Ermittlungen dem Staatsanwalt vor, unserem Gewissen. Das Gewissen sagt: „Einwandfrei schuldig. Kommen Sie mir gar nicht erst mit einem Verteidiger. Aus diesen Fakten stricken wir eine wasserdichte Anklage, und zwar mit folgendem Wortlaut:
„Du, Bewohner eines einwandfreien Körpers, ausgestattet mit allen Möglichkeiten, ein glückliches Leben zu führen, hast dich schuldig gemacht durch Unterlassung, Trägheit, Lüge und der dummen Eigenart, immer die Schuld auf andere abzuschieben. Du hast dir nie die Frage gestellt, was du vielleicht an deiner Situation ändern könntest – nein – du hast einfach stumpf weitergemacht. Wo bleibt deine Kreativität, wo deine positive Gedanken- und Schaffenskraft? Und vor allem: WO BLEIBT DEINE LIEBE?“
Nun kommt der Fall vors Gericht. Den Vorsitz führt unser Herz. Da haben wir Glück gehabt, denn es ist bekanntlich ein milder Richter. Das Herz entscheidet folgendermaßen:
„Nach Anhörung aller Beteiligten steht die Schuld des Angeklagten außer Frage. Er hat seine Lebensfreude umgebracht. Doch tat er es nicht aus Berechnung, sondern aus Unwissenheit. Wir verurteilen ihn demnach Kraft unserer Vollmacht zu einem glücklichen Leben. Ein glückliches Leben kann nach unserem Ermessen nur ein Leben in Liebe sein. Und zwar nicht Liebe, die als Wort im Munde geführt und um und um gewendet wird, sondern die tätige Liebe, die man leicht daran erkennen kann, ob der Mensch fröhlich seinen Tag beginnt, dankbar ist über seine Lebensumstände, nicht allein nur darüber, dass er zu essen und zu trinken hat, sondern auch über seine Fähigkeit staunen kann, zu schmecken, riechen, hören und sehen. Man erkennt ihn daran, dass er weder an sich noch an anderen herumnörgelt, dass er schrittweise seine Angst, Wut, Verzweiflung, Hass, Neid, Ruhmsucht, Geiz und ähnliches umwandelt in Vertrauen, Kraft, Zuwendung, Mitgefühl, Standhaftigkeit und Wärme. Dies sei mein Urteil und es gilt ab JETZT!“
Verurteilt zur Liebe! Nicht schlecht. Soweit der innere Krimi. Schauen wir auf den äußeren Krimi – was geschieht dort? Der Täter wird gefasst und bekommt seine gerechte Strafe – ein Vorgehen, das dem inneren Gefühl für Recht und Unrecht entspricht. Weiterhin legt man dem Täter nahe, zu bereuen und fortan ein besseres Leben zu führen. Also letztlich auch hier: verurteilt zu lieben!
Wir finden dieses Element in jedem Krimi, selbst wenn er rabenschwarz ist und keinen Raum für Hoffnung lässt. Aber gerade deshalb verstärkt er, dem faszinierenden Sog des Dunklen zum Trotz, die Sehnsucht nach dem Heilsein, dem Reinsein. Jeder Krimi konfrontiert mit dem Gesetz der Kausalität: Du tust etwas und trägst dafür die Konsequenzen, früher oder später. Der Täter, der entkommt, verkommt in Gewissensbissen, muss von einem Ort zum anderen flüchten, entfremdet sich immer mehr von sich selber und seiner Umwelt. Die Buße als Weg der Läuterung, als Chance zum Neubeginn, eine Möglichkeit, sein Leben nach ganz neuen Maßstäben zu ordnen, weil man erkannt hat, dass die alten nicht zur Liebe taugen – diesen Weg eröffnet der Krimi und genau dies macht seine Anziehungskraft aus.
Gesellschaftlich gesehen könnte man also aus der Beliebtheit der Krimis schließen, dass wir uns als Kollektiv reinigen, neue Maßstäbe für das Miteinander setzen, Wärme schaffen und Liebe leben wollen. Ich werte dies als gutes Zeichen für die Zukunft.